Start ... Ich ... und meine Weihnachts- Geschichte 9. Dezember
9. Dezember

9. Tag im Dezember 1606

Schlagartig wurde Marianne bewusst, was für ein Tag heute sein musste: Sonnabend! Und Sonnabends blieben sämtliche Amtsstuben geschlossen! Damit war klar, dass sie mindestens bis zum Montag hier in diesem Loch festsitzen würde. In Gedanken hatte sie bestimmt schon tausend Verwünschungen zu ihrer Base Gudrun geschickt denn sie war sich sicher, dass nur Gudrun für dieses Schlamassel verantwortlich sein konnte. Warum sonst stand Gudrun bei ihrer Verhaftung vor ihrem Haus herum?
So sehr sich Marianne den Kopf zerbrach, konnte sie doch beim besten Willen nicht den Grund für ihre Inhaftierung benennen. Sicher, Gudrun war wütend, weil das Geld, das Martin ihr hier gelassen hatte verschwunden war. Nur, was hatte das mit ihr zu tun? Sie hatte versucht ihrer Base zu helfen und war am Ende nur beschimpft worden. Alles Grübeln brachte nichts, die ganze Sache blieb ein Rätsel, dessen Lösungsversuche Kopfschmerzen verursachten.
Marianne nahm eine weitere Puffbohne aus dem Tuch und begann, sie ganz langsam zu zerkauen und dachte an die letzte Nacht und wie sie oft erwacht war und in die Dunkelheit hinein gelauscht hatte.
Aus Furcht vor der Maus, die mit Sicherheit über die Bohnen herfallen würde, hatte Marianne das Bündel während der ganzen Nacht fest umklammert gehalten. Ihr Bohnenbestand war allerdings trotzdem, durch sie selbst, auf über die Hälfte zusammen geschrumpft.
Es war nicht lange her, das sich die Kerkertür ein weiteres Mal geöffnet und Marianne Hoffnung geschöpft hatte.
„Teller und Tasse hierher!“ befahl aber nur die gleiche barsche Stimme, die ihr gestern gedroht hatte. Rasch trank sie den Rest des Wassers und stellte das Geschirr vor der Tür auf den Boden. Kurz darauf wurde aus einer Kanne Wasser in die Tasse gekippt, wobei ein großer Schwapp auf dem Zellenboden landete. Auch neue Brotscheiben segelten durch den Türspalt, aber nur zwei von ihnen erreichten den Teller. Dann verlief alles nach dem alten Muster: Tür verschließen und Schritte, die sich entfernten.

Dem Rat ging es an diesem Morgen noch schlechter. Edwina hatte die ganze Nacht bei ihm gesessen um das Fieber mit unzähligen Schneewickeln unter Kontrolle zu halten. Die Hautfarbe des Kranken Rates hatte inzwischen eine gelbliche Färbung angenommen und war nun leicht durchschimmernd.
Selbst die Brühe, die Edwina Löffel für Löffel dem Rat verabreicht hatte, behielt dieser nicht bei sich. Spätestens nach einer halben Stunde begann sich sein Magen gegen den Inhalt zu wehren und zog sich so lange zusammen, bis endlich nichts mehr darin war. Wolrabes Gesicht wirkte eingefallen, tief lagen die Augäpfel in den Höhlen und die Wangenknochen traten hervor.
Edwina befürchtete inzwischen das Schlimmste.
Doch nein, Wolrabe durfte nicht sterben! Sie musste alles versuchen, um ihn zu retten und am Leben zu halten! Nein, sie durfte die Hoffnung um ihretwillen nicht aufgeben. Was sollte aus ihr werden, wenn das letzte Stündlein des Rates geschlagen hatte? Sie hatte weder Familie noch entfernte Verwandte, bei denen sie unter kommen konnte, bis eine neue Anstellung gefunden war.
Edwina machte sich auf den Weg in die Küche, wo sie Johann am Tisch sitzend vorfand.
„Und, wie isses?“ fragte er, obwohl er die Antwort eigentlich schon kannte.
„Brassel taugt nicht!“ stellte Edwina, ohne auf die Frage einzugehen fest. „Wenn der Rat noch mehr bluten soll stirbt er. Wir sollten es mit einem Bader versuchen.“ schlug sie vor.
„Nee, du kannst keinen Bader ins Haus holen, ohne das jemand Wind davon bekommt! Wenn’s einer spitz kriegt, fliegste hier raus!“ meinte er aufgebracht und schüttelte mit dem Kopf. „Stell dir nur vor, der Herr Rat lässt sich vom Bader kuriern, dass geht nich.“
„Ja, hast ja recht! Aber was sollen wir machen? Irgend eine Medizin oder Kur muss es doch geben, die ihm hilft!“
Johann nickte.
„Weißt du was er jetzt macht?“ fragte Edwina nach einer Weile und deutete dabei hoch zur Decke. „Seine Zunge hängt ihm aus dem Mund und er kaut wie verrückt darauf herum. Hab Angst, dass er sie sich abbeißt und am Ende noch verschluckt.“ Edwina schüttelte sich. „Dabei sabbert er wie ein Hund und ich muss ihn dauernd die Spucke abwischen.“ fuhr sie fort.
Johann verzog angeekelt den Mund. „Schon gut, ich geh noch mal zu Brassel. Der muss was unternehmen bevor’s noch ärger mit dem Rat wird.“ Schnell war er aufgestanden, hatte sich die Jacke geschnappt und verlies das Haus.
Sein Weg führte über den Anger, der Schlösserstraße entlang bis zum Fischmarkt. Von dort musste er rechts am Rathaus vorbei, und dann wieder links in Richtung Universität, in deren Nachbarschaft der Arzt eine Praxis eingerichtet hatte. Unterwegs, am Fischmarkt, sah er wie der Amtmann gerade im Rathaus verschwand und Johann musste an Marianne denken. Was mochte wohl aus ihr geworden sein? Vor lauter Aufregung um Wolrabe hatte er ganz vergessen, sich nach ihr zu erkundigen. Deshalb beschloss er, auf dem Rückweg bei ihr vorbei zu schauen.
Brassel war nicht begeistert, als er Johann vor seiner Tür stehen sah. Weder die Aussicht bei diesem Schneegestöber, quer durch die Stadt gehen zu müssen noch die Krankheit des Rates selbst vermochte ihn zu begeistern. Was konnte er schon für diesen Patienten tun? Starb er ihm unter den Händen weg, was sehr wahrscheinlich war, würde er nie wieder die Stadtoberen zu seinen Patienten zählen können.
Nein, er durfte deshalb nichts unversucht lassen. Wolrabe musste gesund werden! Brassel beendete seufzend seine Überlegungen und verließ seine Praxis kurz nachdem sich Johann auf den Rückweg gemacht hatte.
Wolrabes Kutscher schlug tatsächlich zunächst den Weg zu Mariannes Haus ein, was einen kleinen Umweg für ihn bedeuten würde. Schon von weitem sah er die losen Bretter an der Tür, die der Gehilfe des Amtmanns dort angeschlagen hatte.
Die Tür selbst war nur angelehnt und Johann stieß sie an, dass sie ein Stück aufsprang.
„Marianne?“
„Bist du hier?“ rief er durch den Spalt, wagte aber nicht hinein zu spähen.
Als er auch nach seinem zweiten Ruf keine Antwort erhalten hatte drehte er sich zum Gehen um.
Erschrocken prallte er zurück denn vor ihm hatte sich die dicke Berta von nebenan aufgebaut und die Hände in die üppigen Hüften gestemmt.
„Was willste denn von der?“ fragte Berta und machte mit dem Kopf eine Bewegung in Richtung des Hauses.
„Was geht’s denn dich an?“ blaffte Johann zurück.
„Pha, werds dem Amtmann schon erzählen. Warst ja letztens schon hier. Vielleicht steckste ja mit der unter einer Decke?“
„Kümmer dich mal lieber um deine Sachen.“ fuhr Johann die Dicke an und schickte sich an, die ausladenden Rundungen Bertas zu umgehen.
„Bloß gut, dass se nun weggeschlossen is!“ rief Berta ihm nach. “Wer weiß was die sonst noch alles offn Kerbholz hat?“
Aha, Marianne war also noch immer eingesperrt, überlegte Johann. Ein weiteres Mal fragte er sich, was es wohl für einen Grund dafür geben konnte, die Puffbohnenhändlerin wegzuschließen. Er beschloss, der Sache nachzugehen.
Da er wusste, dass die Gefangenen zuerst im Rathaus verhört wurden, würde er dort zuerst sein Glück versuchen.
Der Türklopfer aus blank poliertem Messing, an der mit reichlichen Schnitzereien verzierten Tür, schickte einen dumpfen, aber doch auch lauten Ton in das Gebäude, als Johann ihn gegen die kleine Metallplatte stieß.
Kurz darauf wurde die Tür geöffnet und Berthold, der Gehilfe des Amtmanns schaute fragend auf den Ankömmling.
„Biste nich der Kutscher vom Wolrabe?“ fragte er.
„Wie geht’s denn dem Rat?“
„Gar nicht gut, „gab Johann Auskunft. „Aber deswegen bin ich nicht hier.“
„Was willste denn dann?“
„Ich suche jemanden!“
„Wen kannste denn hier drin schon suchen? Heut is Sonnabend, da sin die Amtsstuben leer un die Ratsmänner daheim.“ meinte der Gehilfe.
„Marianne Becke!“ platzte aus Johann heraus.
Berthold trat einen Schritt zurück und sah nun misstrauisch zu Johann herüber.
„Sag schon, isse hier?“ bohrte Johann weiter.
„Ja, sitzt in ihrer Zelle, wie sich’s gehört. Was willste denn von der?“
„Will sie halt was fragen“ meinte Johann. „Lass mich rein!“ meinte er und machte Anstalten, sich an Berthold vorbei zu drängen.
„Halt!“ Der Gehilfe streckte seine Hand abwehrend nach vorn. „Nichts da! Hier kommste heute nich rein! Auf keinen Fall! Frag Montag nochmal nach.
"Warum das? Was ist Montag schon anders, als heute?" empörte sich Johann.
"Is eben so! Komm übermorgen und mach jetzt, dassde deiner Wege gehst!" Berthold verlor die Geduld und seine Gesichtsfarbe verfärbte sich rötlich. "Ich kann dich allerdings auch anders, alsde denkst hier rein lassen." meinte er bevor er Johann die Tür vor der Nase zu schlug.
So schnell gab der Kutscher jedoch nicht auf. Er lief um das Rathaus herum, blieb dabei nahe der Hauswand und folgte ihr in Richtung auf die Krämerbrücke zu.
Durch die Arbeit des Rates, hier im Haus, kannte sich Johann einigermaßen mit den baulichen Gegebenheiten aus. Er wusste, dass die Zellen der Inhaftierten zur Straße hin ein Fenster aufwiesen und hoffte deshalb Marianne so finden zu können.
Richtig, fast in Bodenhöhe konnte er die kleinen, in regelmäßigen Abständen ins Mauerwerk eingelassenen Öffnungen erkennen. Keiner, der nicht selbst hier eingesessen hatte konnte ahnen, dass diese vier Nischen, die Fenster des Gefängnisses darstellten.
So unauffällig wie möglich schlenderte Johann zur ersten Öffnung, bückte sich und tat so, als ob er sich an seinem Schuh zu schaffen machte. Dabei kam ihm gerade recht, dass die Dämmerung eingesetzt hatte und bei diesem Wetter nicht mehr viele Erfurter unterwegs waren.{mospagebreak} Marianne glaubte zuerst, sich verhört zu haben. Wurde da wirklich ihr Name geflüstert?
Tatsächlich! Da hörte sie wieder, wie jemand ihren Namen aussprach.
"Ich bin hier!" wagte sie der Stimme zu antworten.
"Ich bins, der Johann Barsch." gab er sich zu erkennen. Zugleich fiel ihm ein Stein vom Herzen, dass er gleich beim ersten Versuch, die Gesuchte gefunden hatte. "Gehts dir gut? Was machen die mit dir?" fragte er besorgt.
"Ja, es geht. Ich weiß selbst nicht warum ich hier bin" flüsterte sie und freute sich, endlich eine vertraute Stimme zu hören.
Sie begann von den Ereignissen der vergangenen Tage zu berichten und schilderte die Geschehnisse, die mit dem Erscheinen von Gudrun ihren Anfang genommen und in der Verhaftung ein vorläufiges Ende gefunden hatten.
Johann sah sich unterdessen immer wieder vorsichtig um und je mehr er erfuhr, desto klarer wurde ihm, dass er Marianne helfen musste.

Das sagte er auch Marianne und versprach ihr, dass er gleich morgen, also am 10. Dezember, damit beginnen würde.

 

Mittwoch, 19. Dezember 2018

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