Start ... Ich ... und meine Weihnachts- Geschichte 8. Dezember
8. Dezember

8. Tag im Dezember 1606

An diesem Morgen war ihr, als sei sie erblindet. Als Marianne die Augen öffnete war nichts als Dunkelheit um sie herum. Keine Schemen, keine Konturen, einfach nichts! Sie setzte sich auf und lehnte sich mit dem Rücken an eine feuchte Wand. Während sie bemerkte, wie steif ihre Glieder in der kalten Kammer geworden waren, wanderte ihre Hand tastend über den steinernen Zellenboden, bis sie das Bündel zu fassen bekam.
Vorsichtig zog sie es zu sich heran und pulte eine Bohne daraus hervor, die sogleich in ihrem Mund verschwand. Zum Glück durfte sie die Bohnen beim Einzug in ihr Gefängnis behalten denn bisher hatte man noch keine Anstalten gemacht, ihr etwas Essbares zu bringen.
Sie dirigierte die Bohne mit ihrer Zunge so, dass sie zwischen ihren Schneidezähnen klemmte und zerbiss sie in zwei Hälften. Sogleich schmeckte sie die unverwechselbare und doch etwas eigentümliche Würze der Kräuter, die den Weg in das Gemüse gefunden hatten.
Ein Rascheln im Stroh riss sie aus diesem Genuss und veranlasste sie dazu, die Beine an ihren Körper heran zu ziehen und mit den Armen zu umschlingen. Anscheinend war eine Maus auf der Suche nach Futter. Marianne hoffte inständig, dass es sich wirklich nur um einen kleinen Nager handelte. Die schlimmere Alternative stellte eine Ratte dar. Schon bei dem Gedanken an diese Tiere kroch ihr eine Gänsehaut über den Rücken und sie musste sich schütteln. Langsam schob sie sich an der Wand nach oben, als würde sie jeden Augenblick gebissen werden. Das Tuch mit den Bohnen hielt sie dabei dicht an ihre Brust gedrückt.
Das Rascheln war nicht mehr zu hören. Anscheinend schien das Tier ebensolche Angst vor Marianne zu haben, wie sie vor ihm. Marianne umgab eine tiefe Stille, die nur durch ihre Atemstöße unterbrochen wurde.
Sie versuchte sich zu erinnern, wo sich die kleine Öffnung nach draußen befand. Angestrengt versuchte sie Unterschiede in der Dunkelheit auszumachen, jedoch ohne Erfolg. Sie tastete sich an der Wand entlang, bis sie über sich einen kühlen Lufthauch verspürte. Hier musste die Stelle sein, wo sich das Fenster befand. So sehr sie sich auch anstrengte und Lauschte, kein Laut drang von draußen zu ihr herein.
Marianne konnte nicht benennen wie lange sie dort stand, als eine Glocke zu läuten begann. Leise drang der helle Klang bis hinunter in die Zelle und Marianne zählte sieben Schläge des Klöppels. Draußen blieb nun nicht mehr viel Zeit bis die Dämmerung einsetzen würde und die Dunkelheit vertrieb.

Hans Wolrabe krümmte sich und würgte den Haferschleim, den Edwina ihm vor einer Stunde eingeflößt hatte, unterbrochen von lautem Stöhnen in die Schüssel, die neben seiner Schlafstatt stand.
Die Leibschmerzen und Schweißausbrüche ließen nicht nach und in der Nacht war hohes Fieber dazu gekommen. In unregelmäßigen Abständen kamen die Krämpfe und der Rat fühlte sich von Stunde zu Stunde schwächer. Brassel, der Arzt, hatte gestern nach einer ersten Untersuchung den Kopf geschüttelt, und Wolrabe zur Ader gelassen.
Besser ist es jedoch nicht mit ihm geworden, hatte Edwina, Wolrabes Magd, festgestellt. In regelmäßigen Abständen schaute sie nach ihrem Dienstherren, wusch ihm Gesicht und Arme und kühlte mit Schneewickeln seine Stirn.
Seit fünfzehn Stunden ging das nun schon so und Edwina hoffte auf eine baldige Genesung des Ratsherrn. Alleine würde sie die Pflege nicht lange bewältigen können.
Brassel hatte sich für die neunte Stunde angekündigt, um, sollte sich der Zustand des Patienten als nicht wesentlich verbessert haben, nochmals einen Aderlass vorzunehmen. Die Magd war jedoch skeptisch und bezweifelte den Nutzen, den diese Behandlung bringen sollte.
Gerade als sie einen neuen Schneewickel auf die Stirn Wolrabes legen wollte, wurde die Tür einen Spaltbreit geöffnet und Johann Barschs Kopf schob sich vorsichtig herein.
„Wie geht’s ihm?“ fragte er leise.
Edwina legte den Finger an ihren Mund und kam rasch heran. „Psst! Er ist gerade eingeschlafen,“ flüsterte sie. „Es geht ihm aber nicht viel besser. Nur das Fieber habe ich ihm senken können, aber die Krämpfe kommen immer wieder“. Edwina zuckte mit den Schultern.
„Vielleicht sollten wir es doch noch mal mit Haferschleim probieren?“ schlug Johann vor.
Edwina winkte ab. „Ach nee, den behält er doch nicht drin. Geh lieber rüber zum Anger und kauf eine schöne, fette Henne. Ich rupf sie, wenn Brassel bei ihm ist,“ Edwina deutete auf das Bett, „und koch eine kräftige Brühe. Die wird ihn schon wieder auf die Beine bringen.“
„Könntste recht haben.“ meinte Johann, der sich sogleich ausmalte, dass er heute noch berechtigte Hoffnung auf eine Schale mit frischer Brühe hatte. „Ich geh gleich los,“ meinte er deshalb schnell, „dann bin ich zeitig zurück und das Süppchen steht zur Mittagsstunde bereits auf dem Tisch!“
Edwina konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen und zwinkerte ihm zu. „Man könnte meinen, dass es dir dabei nur um deinen Hunger geht, Johann „
„Gott bewahre!“ entrüstete sich der Kutscher nicht gerade überzeugend und verschwand im Flur. Kurz darauf hörte Edwina, wie er das Haus verließ und die Tür ins Schloss fiel.
Inzwischen war der Schneewickel, den sie vorhin gemacht hatte, unbrauchbar geworden. Schnell huschte sie hinaus und kam mit einer handvoll Schnee zurück, den sie dann auf einem Tuch ausbreitete. Anschließend faltete sie das Leinen zu einem schmalen Band und legte es auf die Stirn des Kranken.
Der Ratsherr stöhnte und sein Kopf flog auf dem Kissen hin und her bis der Schneewickel herunter gerutscht war.
Edwina legte ihn wieder zurück und trat ans Fenster, um es einen Moment zu öffnen.

Polternd wurde die Tür aufgestoßen, so dass Marianne zusammen fuhr. Eine Hand wurde sichtbar, die einen Becher und einen Teller in den Raum schob, um dann wieder zu verschwinden. Die Tür krachte ins schloss und ein Schlüssel wurde gedreht.
Nach wenigen Schritten hatte sie das Geschirr erreicht, hob den Becher an und trank. Seit ihrer Verhaftung, hatte sie keinen Tropfen getrunken und in ihrer Kehle ratzte es bereits. Die wenige Flüssigkeit, die in den Puffbohnen steckte, reichte nicht aus, den Durst zu stillen.
Zum Glück befand sich im Becher scheinbar frisches Wasser und Marianne nahm einen weiteren kräftigen Schluck davon zu sich. Allerdings musste sie sich dazu zwingen nicht gleich die ganze Tasse zu leeren. Da sie nicht wusste wann es das nächste Mal etwas zu trinken geben würde, dachte sie daran lieber sparsam mit dem Wasser umzugehen. Nur wenn der Durst nicht mehr auszuhalten war wollte sie einen weiteren Schluck zu sich nehmen.
Auf dem Teller, den sie gleich darauf in Augenschein nahm, erkannte sie drei Scheiben schimmligen, trockenen Brotes und den Klecks einer schleimigen Masse in der Mitte.

Da sie nicht nur von Bohnen allein satt werden konnte, nahm sie eine der Scheiben und rieb sie so lange an der Wand, bis sie meinte, dass der Schimmelbelag entfernt war. Das Ergebnis untersuchte sie, indem sie das Brot ins Licht des Fensters hielt. Erst dann tunkte sie die Scheibe langsam in den zähen Schleim und kaute den ersten Bissen. Ihre Mahlzeit schmeckte nach nichts, wie Marianne zufrieden feststellte. Schlimmer wäre gewesen, wenn sie sich hätte überwinden müssen, um etwas zu essen. {mospagebreak}Brassel saß derweil am Bett seines Patienten und hielt dessen Arm über eine Schüssel. Zuvor hatte er mit einem Schnepper, einem speziellen Aderlass-Messer, ein Blutgefäß in der Armbeuge des Rates geöffnet und die getrocknete Luftröhre einer Henne in die Öffnung geschoben, um das Blut so besser abfließen zu lassen. Während die rote Lache in der Schüssel immer größer wurde, schlug Brassel die Decke über Wolrabe zurück und wollte sich dessen Brustkorb zum Abhören des Herzens nähern. Die Wucht der stinkenden Wolke, die ihm entgegen kam, nahm ihm den Atem.
„Oh Gott!“ stöhnte er und bemühte sich durch den Mund zu atmen, während er die Decke wieder auf Wolrabes Körper sinken ließ. Jetzt erinnerte sich der Arzt, wie Edwina ihm davon berichtet hatte, dass sie bereits in der Nacht dreimal das Laken ihres Herrn hatte wechseln müssen, weil zu den Krämpfen ihres Herrn nun auch noch flüssiger, übelriechender Stuhl gekommen war. Edwina würde sich wohl ein viertes Mal um die Betttücher kümmern müssen.
Brassel entschied schließlich, dass Wolrabe genug Blut gelassen hatte, zog mit einem Ruck das Röhrchen aus der Ader und verband den Arm. Anschließend legte er seine Finger auf den Hals des Ratsherrn und überprüfte so dessen Pulsschlag. Erleichtert stellte er fest, dass das Herz kräftig und gleichmäßig arbeitete.
Der Arzt hatte schon eine ganze Weile überlegt, um was für eine Krankheit es sich beim Rat Wolrabe handeln könnte und war sich ziemlich sicher, dass es er den Patienten von einer Vergiftung heilen musste.
Edwina stand am Herd und rührte in der Brühe, in der ab und zu Teile der Henne an die Oberfläche trieben. Sie war mit ihrer Arbeit fast fertig, als Brassel die Küche betrat.
Augenblicklich erhob sich Johann von seinem Schemel am Tisch, ließ sich aber gleich nach einem grüßenden Nicken zum Arzt hin, wieder darauf nieder. Brassel trat näher an Edwinas Kochstelle heran und sog genussvoll den Duft der würzigen Brühe ein.
„Hm, wie das riecht!“ schwärmte er und wagte, einen kurzen Blick in den Topf zu schicken.
„Wollt Ihr einen Schlag?“ bot sie dem Arzt an. „Es ist genug da! Ich mache Euch gleich eine Schale zurecht.“ meinte sie und war schon dabei in einem Schrank danach zu suchen.
„Gern!“ freute sich Brassel und setzte sich zu Johann an den Tisch.
„Habt Ihr’s schon gehört?“ fragte dieser an den Arzt gewandt.
„Was gehört?“
„Na, die Becke Marianne is gestern vom Amtmann abgeführt worden!“
„Nein!“ meinte Brassel. „Die Becke? Hab da schon einige Gerüchte über sie gehört. Was soll sie denn angestellt haben?“
„Eben, das frag ich mich auch. „ meinte Johann und zuckte mit den Schultern.
„Man munkelt, sie wär’ ne Zauberische!“ warf Edwina ein und sah sich dabei um, als würde jeden Moment ein Schatten nach ihr greifen wollen.
„Quatsch!“ empörte sich Johann. „Wer erzählt nur solchen Blödsinn?“
„Habs gestern gehört, als sie sie ins Rathaus gebracht haben. Stand gleich daneben, als es Einer sagte,“ gab Edwina zurück und verteilte nebenher die Löffel.
Sie sah zu Johann hinüber und meinte: „Du willsts ja nur nicht wahrhaben, weil du sie kennst!“
„Was hast du mit der Becke zu schaffen?“ fragte Brassel dazwischen.
Johann nahm den Löffel und zog die Schale mit der Brühe näher zu sich heran. „Kenn sie halt schon ein paar Jahre,“ begann er und rührte dabei in der Suppe. „Ich helf ihr im Sommer die Bohnenfuhre zu erledigen.“
„Bohnenfuhre?“ Brassel hob die Augenbrauen und pustete auf seinen Löffel.
„Die Becke Marinne verkauft Puffbohnen, die se einlegt in so’ne Brühe. Un ich karre ihr halt die Bohnen von den Dörfern hierher nach Erfurt.“ gab Johann bereitwillig Auskunft.
„Und?“ Brassel pustete so stark, dass es die Hälfte der Brühe über den Rand des Löffels trieb.
„Nichts und! Das is alles!“
„Isses nicht!“ warf Edwina ein. „Hast wohl vergessen, dass dich der Rat gestern zur Becke geschickt hat, um Bohnen zu holen?“
„Ach so? Das ist ja interessant!“ stellte der Arzt fest und vergas für einen Moment sogar den Löffel in seiner Hand.

Marianne lief inzwischen, wie ein Hund in seinem Zwinger, in ihrer Zelle auf und ab. Unablässig behielt sie dabei den Lichtpunkt, den das Fenster auf den Boden warf und dabei langsam von links nach rechts wanderte im Auge. Im sonst dunklen Raum war er der einzige Hinweis darauf, dass es noch ein Draußen geben musste.
Wie Marianne richtig vermutet hatte, stellte der Becher Wasser und der Brotteller ihre Verpflegungsration für den gesamten Tag dar. Niemand hatte sich seit dem frühen Morgen blicken lassen, nur ab und an vernahm sie Schritte im Flur.
Aus dem Fenster drangen während des Tages verschiedene Stimmen zu ihr herunter. Den Sinn einzelner Worte, die sie aufschnappte konnte sie jedoch nicht erfassen und einmal begann ein Kind in unmittelbarer Nähe des Fensters mit schreien. Das war ihr gesamter Kontakt mit der Außenwelt.
Die Glocke hatte vor einer ganzen Weile fünf Gongschläge in die Straßen Erfurts geschickt und der Lichtpunkt auf dem Zellenboden war langsam verblasst.
Vierundzwanzig Stunden befand sie sich nun schon in diesem Verlies und Marianne hoffte inständig, dass man sie nicht hier unten vergessen hatte.
Irgendwann verlor sie die Geduld und schlug mit ihren Fäusten auf die schwere Holztür ein.
„He, ist da draußen wer?“ rief sie in die Dunkelheit und lauschte. „Kann mich jemand hören?“ schrie sie so laut sie konnte und legte ein Ohr an die Tür.
„Was machste denn für’n Lärm da drinne?“ ertönte eine Stimme unmittelbar neben ihr, die Marianne zurück fahren ließ.
„Wennde nich balde deine Fresse hältst un stille bist, setzt’s was! Das kannste mir glob’n.“
Marianne schlotterten die Knie vor Schreck und sie verhielt sich lieber still. Nur nichts riskieren, dachte sie. Zumindest war sie jetzt sicher, dass sich außer ihr noch jemand hier befand. Allerdings war sie froh, dass dieser Jemand auf der anderen Seite der Tür weilte.
Nach einer kurzen Zeit entfernten sich Schritte. „Na also, das hätt’ch dir och gerat’n“ konnte Marianne gerade noch verstehen, bevor von ihr Bewacher verschwand.

Gudrun hatte den ganzen Nachmittag in der Küche verbracht, um den Schweinebraten, den sie auf dem Anger erworben hatte, zu garen. Er sollte nach der Rückkehr ihres Mannes, Martin, auf den Tisch kommen. Dazu hatte sie Brot im Backhaus gebacken und einen großen Krug Bier aus der Schankwirtschaft an der Ecke herüber bringen lassen.
Gudrun wartete den ganzen Abend und es ging nun bereits auf Mitternacht zu, ohne dass von Martin etwas zu sehen oder zu hören war. Sie beschloss genau bis zum zwölften Schlag der Glocke im Johannesturm zu warten und dann ins Bett zu gehen.

Vielleicht war Martin aufgehalten worden und kam erst am nächsten Tag , am 9. Dezember, von seiner Reise zurück?

 

Mittwoch, 19. Dezember 2018

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