Start ... Ich ... und meine Weihnachts- Geschichte 7. Dezember
7. Dezember

7. Tag im Dezember 1606

Diesmal war das Poltern lauter, was Marianne sofort auf die Beine brachte. Im gleichen Augenblick hörte sie Holz splittern und unmittelbar darauf, wie die Tür nach innen, gegen die Wand schlug. Nichts Gutes ahnend zog sie sich ihren Kittel über und eilte dem Zentrum des Geschehens entgegen.
Richtig, vor ihr stand, wie sie schon vermutet hatte, der Amtmann Braun mit seinen beiden Gehilfen Jakob und Berthold.
„Und du kommst sofort mit!“ rief Braun sobald er Marianne erblickt hatte.
„Was soll das werden? Wer zahlt mir die Reparatur der Tür?“ blaffte Marianne zurück, die nur mit großer Mühe ihre Wut einigermaßen im Zaum halten konnte.
„Du kannst es dir also noch immer nicht denken? Spielst weiter die Ahnungslose, wie?“ Der Amtmann grinste selbstzufrieden und musterte Marianne demonstrativ von oben bis unten.
„Sag schon, was hier gespielt wird.“ versuchte es Marianne in einem etwas ruhigerem Ton.
Statt eine Antwort zu geben, gab der Amtmann Jakob und Berthold ein Zeichen mit der Hand und nickte in Mariannes Richtung. So schnell, dass Marianne nicht erfassen konnte wie ihr geschah, hatte sie an jedem Arm einen Gehilfen des Amtmanns. Sie schäumte vor Wut, hatte sich aber soweit unter Kontrolle, keine Gegenwehr zu leisten. Es blieb ihr nichts weiter übrig, als die grobe Durchsuchung ihres Hauses zu verfolgen. Braun ging dabei nicht gerade zimperlich vor und drehte kurzerhand alles um, was ihm in die Finger kam. Töpfe wurden untersucht, Truhen geleert, Kisten ausgeräumt und Kleider aus dem Schrank gerissen.
„Was sucht ihr eigentlich? Vielleicht kann ich ja die Jagd verkürzen!“ wagte Marianne in den Raum zu werfen.
Sie schien aber weiterhin Luft für den Amtmann zu sein, denn dieser tat als hätte er nichts gehört und setzte seine Aktion unbeeindruckt fort. Bisher schien, dass er das, was gesucht wurde noch nicht gefunden hatte.
Mit einem Ruck zerrte Braun den Tisch beiseite, bückte sich und griff nach dem eisernen Ring, mit dem sich die Luke zum Keller öffnen ließ.
Mariannes Rücken straffte sich unmerklich, waren doch ihre Bohnen im Keller.
Schon begann der Amtmann hinab zu steigen. Kurze Zeit später tauchte seine mächtige Nase wieder auf. Er sah sich im Raum um und starrte dann auf etwas, dass sich seitlich hinter Marianne befinden musste. Jakob, der dem Blick seines Meisters gefolgt war, erfasste sofort was dieser wollte und brachte die Kerze zur Luke.
Nachdem die Flamme am Docht tanzte und ihr gelbes Licht in den Raum schickte, machte sich Braun erneut an den Abstieg.
Von unten drang dumpfes Geklapper herauf. Deckel wurden von tönernen Töpfen gehoben und wieder an ihren Platz gelegt. Mariannes Herzschlag begann sich zu normalisieren. Hauptsache den Bohnen passierte nichts! Gerade hatte sie diesen Gedanken zu Ende gebracht, schepperte es gewaltig. Einer der großen Töpfe musste zu Bruch gegangen sein.
Marianne konnte trotz des Schadens ihr Grinsen nicht verbergen, den sie ahnte was nun kam. Richtig, nachdem es ganz kurz still gewesen war, drang ein Würgelaut aus der Kelleröffnung und dann konnte man schnelle Schritte vernehmen. Mit säuerlicher Miene tauchte das Vogelgesicht über den Dielenbrettern auf und hielt sich mit Daumen und Zeigefinger die Nase zu. Erst als er gänzlich oben angekommen war, lies er sie los und atmete geräuschvoll aus.
Mit Genugtuung stellte Marianne fest, das sich die Geschichtsfarbe des Amtmanns von einem intensiven Grau, in ein helleres verwandelt hatte.
„Phu, was war denn das? Stinkt wie Sotte und verfaulte Eier zusammen.“ brachte Braun mühsam hervor und umklammerte dabei die Kante des Tisches, als würden sich jeden Moment seine Kniegelenke nach hinten durchdrücken.
„Geschieht dir ganz recht, was steckste deinen Zinken auch überall rein!“ frohlockte Marianne und wusste im gleichen Atemzug, dass sie einen Fehler gemacht hatte.
Braun glotzte ungläubig zu ihr herüber. „Pass bloß auf, was du sagst.“ fuhr er sie an und kam einen Schritt näher.
Selbst unter der geringen Last seines klapperdürren Körpers ächzte eine Diele. Braun stutzte als Mariannes linkes Auge im gleichen Moment zuckte. Er wusste, dass sich im Raum etwas verändert hatte, ohne es benennen zu können. Die Situation hatte an Spannung gewonnen. die nun anders war, als noch vor Minuten. Deshalb ließ er auch Marianne keine Sekunde aus den Augen, als er sich zum Fußboden hinunter beugte. Mit den Knöcheln seiner dünnhäutigen Finger begann er den Boden um sich herum abzuklopfen.
Jeder im Raum konnte den Unterschied zwischen zwei verschiedenen Klopfgeräuschen erkennen. Ein zufriedenes Grinsen legte sich über das Gesicht des Amtmanns als er nochmals die beiden Dielen abklopfte.
Ein Brett des Fußbodens musste lose sein, denn es klappte ein Stück aus dem Boden als Braun sich darauf abstützen wollte. Hastig fuhr er mit den Fingern die Fuge zwischen den Dielen entlang. Am Ende des Holzes angelangt, dort wo es normalerweise an ein anderes stoßen müsste war der Spalt so breit, dass Braun den Finger hinein zwängen konnte. Mit einem Ruck flog das Brett aus dem Boden, landete krachend mehrere Schritte entfernt und gab den Blick auf allerhand groben Schutt frei, mit dem der Raum zwischen dem Gebälk unter dem Boden aufgefüllt war.
In der Mitte jedoch war eine freie Stelle zu erkennen, in die ein Holzkasten eingelassen war. In diesem Moment hätte sich Marianne ohrfeigen können. Warum hatte sie, blöde Kuh, diesen Teil ihrer Ersparnisse nicht an einer anderen Stelle versteckt?
Inzwischen hatte Braun den Deckel des Kastens aufgeklappt und schielte hinein.
„Na, was haben wir denn hier?“
Ein Marianne nur allzu bekanntes Leinensäckchen tauchte in Brauns Hand auf, der es auf den Tisch warf. Der Inhalt klimperte und jeder im Raum wusste sofort, dass es sich nicht nur um wenige Münzen handeln musste. Schnell hatte Braun die Schleife gelöst, die das Säckchen zusammen hielt und schüttete den Inhalt auf den Tisch. Jakob und Berthold bekamen Stielaugen.
„Das ist mein Geld!“ brachte Marianne hervor, um die Tatsache ins Gedächtnis aller Anwesenden zu bringen.
„Dein Geld? Wo soll eine wie du soviel Geld her haben?“
„Habs ehrlich verdient!“ erwiderte Marianne stolz.
„So, so, verdient hast du es.“
Irgend etwas an der Art wie Braun sich ausdrückte, gefiel Marianne ganz und gar nicht.
„Ich frage dich hiermit noch einmal: Woher hast du das Geld?“
Marianne zuckte mit den Schultern. „Habs wirklich verdient! Mit’m Verkauf von Bohnen.“
„Du willst mir doch nicht weis machen, dass das Zeug in der stinkenden Brühe essbar ist und von Irgendwem gekauft wird?“ meinte Braun verächtlich und verzog dabei angewidert das Gesicht.
„Doch, sogar der Rat Wolrabe kauft bei mir und ist zufrieden. Erst gestern...“
„Wird sich alles zeigen!“ unterbrach der Amtmann und machte eine wegwerfende Handbewegung.
In aller Ruhe setzte er sich auf den Schemel und begann vor den Augen seines Publikums Mariannes Münzen zu zählen.
Als er damit fertig war staunte er nicht schlecht. Vor ihm lagen zwei Gulden, 50 Groschen und 47 Pfennige.
„Wo das her kommt,“ sagte er und tippte dabei auf einen Stapel Groschen, “wird sich zeigen!“
Mit einer Kopfbewegung in Richtung Tür gab er den Gehilfen unmissverständlich den Befehl, sie abzuführen.
„Wo bringt ihr mich hin?“ fragte Marianne, die nun doch langsam weiche Knie bekam.
„Wirst schon sehen.“ war die einzige Auskunft, die der Amtmann gab und entblößte dabei eine Reihe gelber Zahnstummel bei dem Versuch eines Lächelns.
„Mach dir keine Sorgen, wir werden die Wahrheit schon ans Licht bringen. Darauf kannst du dich verlassen. Ich denke da an bestimmte Verfahren, die uns dabei durchaus hilfreich sein könnten. Die sind besonders geeignet für solche Fälle, wie du einer bist.“ Braun war inzwischen ganz dicht an Marianne heran getreten. Wegen des fauligen Geruchs aus des Amtmanns Rachen war es nun an ihr, angewidert das Gesicht weg zu drehen. Dieser Geruch trug erheblich dazu bei, dass ihr zunehmend schlechter wurde und ein Brechreiz sich bereits ankündigte.
„Dann lasst mich wenigstens einige warme Sachen mitnehmen! Ihr wollt doch sicher nicht, dass ich euch unter den Händen erfriere, oder?“ Marianne versuchte einen unterwürfigen und flehentlichen Ton in ihre Stimme zu bringen, was ihr auch einigermaßen gelang.
Braun überlegte kurz und nach einem erneuten Nicken in Richtung ihrer Bewacher, lockerte sich deren Griff. Sie wurde in Richtung ihrer Schlafkammer geschoben und schon wollte Jakob mit ihr hinein.
„Ich kann alleine meine Sachen packen!“ meinte Marianne. „Siehste doch, dass es kein Fenster in der Kammer gibt. Ich kann also nich weglaufen!“ Ohne die Antwort abzuwarten verschloss sie hinter sich die Tür.
Schnell raffte sie einige Sachen zusammen und schnürte sie in einem Hemd zu einem Bündel. Das Wichtigste was nun noch fehlte waren Puffbohnen! Zum Glück hatte Marianne auch in ihrer Schlafkammer einen Topf mit dem eingelegten Gemüse stehen. Im Handumdrehen hatte sie einen kleinen Haufen Bohnen aus der Brühe gefischt und auf ein Tuch gelegt. Dieses verknotete sie über Eck zu einem weiteren Bündel. Schnell schob sie sich eine Bohne in den Mund und trat hinaus zum Amtmann, der schon ungeduldig mit den Fingern auf den Tisch trommelte. Sein Blick glitt hinunter zu den Bündeln.
„In dem hier sind meine Sachen“ erklärte Marianne, noch ehe die Frage gestellt wurde und hob dazu das größere Bündel etwas an. „Und an dem hier kannst du meinetwegen riechen, da sind Bohnen drin.“ Sie hielt das kleine Bündel direkt unter Brauns Nase, der sofort das Gesicht verzog.
„Schon gut, nimm es weg!“
Fluchtartig verließ der Amtmann das Haus und die Gehilfen stießen Marianne an, ihm zu folgen.{mospagebreak}Draußen hatte sich der Amtmann breitbeinig, mit hinter dem Rücken verschränkten Händen aufgebaut und wippte auf Zehen und Ferse, nach vorn und nach hinten. Um ihn herum standen trotz des strengen Frostes einige Gaffer aus der Nachbarschaft und platzten beim Anblick von Marianne fast vor Neugier. In der Gruppe war ganz deutlich das Gesicht von Gudrun auszumachen, die sich, als sie den Augen Mariannes begegnete, sofort abwendete.
Aha, daher weht der Wind, dachte Marianne, als Jakob fest nach ihrem Arm griff und sie mit sich zog. Mit schnellen Schritten folgte sie dem vor ihr laufenden Amtmann, während Jakob hinter ihr blieb. Berthold sollte indessen die Tür ihres Hauses mit Brettern vernageln, da der Riegel ja beim der Erstürmung des Hauses zu Bruch gegangen war.
Nachdem sie eine kurze Strecke zurückgelegt hatten erkannte Marianne, dass sie zum Ratsgebäude geführt wurde. In der Marktstraße blieben viele Leute stehen und gafften. Manche zeigten verächtlich zu ihr herüber und tuschelten dann hinter vorgehaltener Hand mit ihrem Nebenmann. Es gab auch Beschimpfungen und es fielen Worte wie Lotterweib, Hure oder Diebin. Alleine vom Amtmann abgeführt zu werden, reichte der Menge offenbar aus, jemanden schuldig zu sprechen.

Im Keller der Rathauses befanden sich vier Zellen, in die man eingesperrt wurde, wenn man noch nicht verurteilt war. Das Verhörzimmer befand sich direkt über diesen Zellen, sodass die Einsitzenden schnell herbei geschafft werden konnten. In jeder der Zellen war Platz für acht Gefangene. Acht Trinkbecher hingen jedenfalls neben jeder Zellentür an der Wand.
Im Zelleninneren gab es Stroh um darauf zu schlafen und auch einen weiteren Haufen, um sich zu säubern, nachdem man sich auf einem Holzbottich entleert hatte. Sonst war der Raum leer. Nur in die Wand, gegenüber der Tür war ein kleines Loch, als Fenster ins Mauerwerk eingelassen, welches wenig Licht in die Zelle warf.
Der Bottich stand in einer der Ecken und wurde anscheinend nur selten gesäubert. Als Marianne die Zelle betrat taumelte sie wegen dem Gestank, der von ihm aus ging einen Schritt zurück. Jakob gab ihr einen Stoß und sie landete unbeschadet auf dem Stroh.
Marianne war froh, dass kein weiterer Insasse die Zelle mit ihr teilte. Nachdem der Schlüssel im Schloss gedreht worden war und die immer leiser werdenden Schritte Jakobs nicht mehr zu hören waren, begann sie sich aus den Halmen ein Lager zu bereiten.

In gleichen Moment, als Jakob Mariannes Zelle verschloss musste zwei Stockwerke darüber, die dort stattfindende Ratssitzung unterbrochen werden. Dem Rat Hans Wolrabe war während seines Berichtes zum Zustand der Schlösserbrücke übel geworden. Zunächst waren Schweißperlen auf seiner Stirn zu sehen gewesen, dann war Wolrabe zum Schrecken der anwesenden Ratsherren kalkweiß im Gesicht geworden, hatte sich auf den vor ihm liegenden Bericht übergeben, um schließlich ohnmächtig zusammen zu brechen. Mit Hilfe Johanns, seines Kutschers, hatte man ihn die Treppe hinunter und in sein Gefährt bugsiert. Johann gab den Pferden die Peitsche zu spüren und noch in der gleichen Stunde lag Hans Wolrabe in seinem Bett und wartete auf den Arzt.

Auch Marianne lag auf ihrem Bett, allerdings einem aus Stroh und starrte in die Dunkelheit. Sie fragte sich, was wohl der nächste Tag, der 8. Dezember, für Schrecken über sie bringen würde.

 

Mittwoch, 19. Dezember 2018

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