Start ... Ich ... und meine Weihnachts- Geschichte 6. Dezember
6. Dezember

6. Tag im Dezember 1606

Marianne schlug die Augen auf und wunderte sich über den Lärm, der sie geweckt hatte. Jemand schlug mit einem schweren Gegenstand gegen ihre Tür.
„Ja, ja, ich komme ja schon“, rief sie, während sie den Mantel überstreifte und zur Tür schlurfte.
„Nun mach schon, Marianne!“ dröhnte ein unverkennbarer Bass von draußen zu ihr herein.
„Johann Barsch, bist du das?“
„Ja, wer denn sonst?“
„Was willste denn in aller Frühe?“ fragte sie, um etwas Zeit zu gewinnen. Mit flinken Fingern verschloss sie Knopf für Knopf an ihrem Mantel. Erst als sie sicher war, dass nichts von ihrem Hemd zu sehen war, schob sie den Riegel an der Tür nach oben und lugte durch den Türspalt nach draußen. Kalte Luft biss und zwickte sogleich in ihre Wange. Was konnte der Kutscher des Ratsherren Wolrabe von ihr wollen?
„Kannste’s dir nich denken?“ Johann Barsch, der gute drei Fuß länger war, als Marianne hatte seine Faust zum erneuten Anklopfen erhoben, donnerte sie nun aber nicht mehr gegen das Holz. Statt dessen legte er den Kopf schief, wie es seine Art war, und sah lächelnd auf Marianne herab.
„Hat der Ratsherr Wolrabe wieder Appetit auf meine Kräuterbohnen?“ mutmaßte Marianne.
„Hat er“ meinte Johann und drückte dabei sachte die Tür weiter auf. „Gleich zwei Töpfe muss ich diesmal mitnehmen.“
„Soll sich nur nich dran überfressen, der Herr Rat“ meinte Marianne und gab dem Druck, den Johann beharrlich auf die Tür ausübte nach. „Der Rat scheint auf den Geschmack gekommen zu sein nach der ersten Kostprobe, die du ihm letzte Woche mitgenommen hast“.
„War ja nur’n kleiner Topf.“ Johann war Marianne bis in die Küche hinterher gelaufen und stand jetzt mit seiner hünenhaften Gestalt, wie ein Riese im Zentrum eines Zwergenreiches. „Der war schnell aufgegessen“, nahm Johann seine Rede wieder auf. „Der Rat ist wie verrückt hinter den Bohnen her, das kannste dir nich vorstellen. Schickt mich gleich früh hierher, um noch mehr zu holen. Hättste ihn nur nicht kosten lassen.“
Marianne überlegte, dass ihr Bohnen-Bestand zusehends schrumpfte und dass er, wenn es so weiter ginge, wohl kaum bis zum Frühjahr reichen würde. Aber wie sagt schon das alte Sprichwort: Wenns alle is, hörts off! Der Rat zahlte gut, das war ausschlaggebend für den Handel. Allerdings wunderte sie sich über den ausgefallenen Geschmack des hohen Herren, galt doch die Puffbohne als Armeleute-Essen.
Den Unterschied schien tatsächlich das überlieferte Rezept ihrer Urgroßmutter auszumachen, die vor fast einhundert Jahren vom Spreewald hierher gezogen war. Sie war damals den Lausitzer Wanderarbeitern, die bei der Waidernte halfen gefolgt und hier geblieben.
Bisher verkaufte Marianne nur an die Armen und an die Handwerkerschaft der Stadt. Jetzt schien es, dass die Puffbohne den Weg auf den zumeist reich gedeckten Tisch der Ratsherren geschafft hatte. Sollte dies der Fall sein, würde sie das Geschäft im nächsten Jahr erweitern müssen. Bisher war es so, dass sie in jedem Jahr eine kleine Menge Bohnen mehr einkaufen musste, als im jeweiligen Jahr davor. Jedoch waren die Preise, die die Bauern auf dem Anger forderten, unverschämt hoch. Selbst nach langem Feilschen und Schimpfen war der Preis zu hoch.
Marianne war deshalb vor Jahren dazu über gegangen, die Puffbohnen in den nahen Dörfern selbst abzuholen. Wegen dieser Fahrten kannte sie auch Johann, der ihr gern half und oft seine freien Tage dafür opferte. Diese Tatsache minderte die Gefahr überfallen und ausgeraubt zu werden erheblich. Der Preis für die Bohnen war wesentlich niedriger als der auf dem Anger. Auch die Qualität der Bohnen war besser, denn die Bauern wussten, dass Marianne unerbittlich den Preis drücken würde, sollten die Bohnen nicht die erforderliche Größe besitzen oder gar braune Flecken aufweisen.
Zurück in Erfurt mussten die Bohnen sofort verarbeitet werden. Sie wurden kurz gekocht, gesalzen und in Essigwasser eingelegt, dem verschiedene Gewürze beigemischt waren. In der Brühe schwammen die zerpflückten Blätter der Petersilie, der Minze, der Kresse, vom Salbei und verschiedener anderer Wildkräuter. Die oft recht lange Zeit des Winters konnten die Bohnen so im kühlen Keller Mariannes unbeschadet überdauern. Marianne fand ihre Bohnen selbst so köstlich, dass sie stets einen kleinen Vorrat mit sich trug. Sie hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, gleich am Morgen eine handvoll Bohnen aus der Essigbrühe zu fischen, sie mit einem Tuch trocken zu reiben, um sie sich in die Tasche ihres Kittels zu stecken. Wie von selbst fand dann ihre Hand den Weg in diese Tasche und schob Bohne für Bohne in ihren Mund. Eigentlich kaute Marianne ständig auf einer Puffbohne herum. Sobald der würzige Geschmack verschwunden war, lieferte ihre Hand Nachschub.
„Was is nun?“
Marianne schrak aus ihren Überlegungen.
„Ja, ich mach schon, Johann. Kannst mir ja zur Hand gehen mit den Töpfen. Zwei mit einem Mal kann ich nicht heben. Schnell war der Tisch von der Kellertür, die in den Küchenboden gelassen war, gehoben und aufgeklappt. Marianne stieg voran die schmale Leiter hinunter. Es wurde stockfinster als Johann mit seinem massigen Körper die Luke zum Keller fast vollständig ausfüllte.
„Täte dir auch gut, mal’n paar Tage nur Bohnen zu essen, Johann.“ Marianne grinste in die Dunkelheit hinein.
„Biste verrückt? Die Dinger krieg ich nich runter“.
„Du hast noch nie eine von meinen Eingelegten probiert“ beschwerte sie sich.
„Nee, lass mal, die krieg ich nie ...hmpf. Igitt! Hast du mir eine in den Mund geschoben?“ Johann gab würgende Geräusche von sich.
„Na, und?“
„Bäh, ich begreif’ den Rat nich“ meinte Johann, während er versuchte die Reste der zerbissenen Bohne auszuspucken.
„Und ich begreife dich nich“, meinte Marianne feixend.
Schließlich drückte sie dem Kutscher einen Tontopf von mittlerer Größe in die Hände und schob ihn in Richtung der Stiege. Sie selbst griff zu einem Topf von gleicher Größe und kletterte hinter Johann die Holzsprossen nach oben.
„Was macht’s?“ fragte der, als Mariannes Kopf aus der Öffnung im Boden auftauchte.
„Ist noch der gleiche Preis, wie in der letzten Woche, halt nur doppelt so hoch, weil die Töpfe auch doppelt so groß sind.“ Marianne zuckte mit den Schultern: „oder denkste die Bohnen werden mit der Zeit billiger?“
„Dachte, weil ich doch mehr nehme ...“
„... würdense weniger kosten?“ Marianne stemmte entrüstet die Hände in die Hüften und sah herausfordernd zu Johann herüber.
Johann wusste, dass er eine Meisterin im Feilschen vor sich hatte und deshalb hielt er es für richtig, die Preisverhandlung an dieser Stelle abzubrechen.
„Nee, nee, mach nich so’n Krach, Hier haste dein Geld.“
Klimpernd fielen zwei Groschen auf die Tischplatte. Während Marianne auf die tanzenden Geldstücke blickte und sie schließlich einsteckte, fiel ihr schlagartig der gestrige Abend und Gudruns Gezänk ein.
Sie nickte Johann nur kurz zu, als der sich verabschiedete und einen Wirbel Schneeflocken zur Tür herein tanzen ließ.
Marianne schüttelte sich und rieb sich die Arme. Es war höchste Zeit, den Herd anzuheizen. Während die ersten Scheite im Feuer zu knistern begannen und die Wärme langsam von der Feuerstelle herüber kroch, hatte Marianne ihre handvoll Bohnen trocken gerieben, in die Tasche zu den Geldstücken gestopft und schon eine Bohne gekaut.
Mittwochs stehen die Händler auf dem Anger, egal ob es stürmte oder schneite. Dort hatte Marianne ihre eingelegten Bohnen zuerst an den Mann gebracht. Wie viele Jahre waren inzwischen vergangen? Heute kamen die Käufer zu ihr ins Haus. Marianne dachte mit schaudern an den oft kalten Platz hinter dem Verkaufskarren zurück. War es gar zu kalt konnte es sogar vorkommen, dass die Bohnen einfrohren und nicht mehr zu verkaufen waren. Sie war froh, dass sie diese Zeit nun endgültig hinter sich gelassen hatte.
Allerdings konnte trübten die misstrauischen Blicke der Nachbarn ihren Blick auf eine zufriedene Zukunft. Marianne wusste, dass sie wegen ihrer Kräuter und der Ratschläge, die sie gab unter Beobachtung stand. Deshalb hatte sie sich angewöhnt nur zweimal in der Woche auf den Markt zu gehen, um sich mit Lebensmitteln zu versorgen. Der Mittwoch und der Sonnabend waren ihre Markttage und kein Unwetter konnte sie davon abhalten, zum Anger zu gehen.
Tief zog sie ihre gestrickte Mütze in die Stirn und wickelte sich den Schal mehrfach um den Hals, bevor sie durch die Tür ins Freie trat. Eisig blies der Wind noch immer durch die Straßen Erfurts und trieb Schneeflocken in Mariannes Gesicht. So schnell es die verschneiten Wege und der Korb auf ihrem Rücken zuließen setzte sie ihren Weg zum Anger fort. Dort angekommen, erwarb sie innerhalb kurzer Zeit etwas Hirse, Käse und Mehl. Wegen des eisigen Windes hatte sie keine allzu große Lust mit den Händlern um den Preis zu verhandeln.
Auf ihrem Rückweg wehte der Wind die Schneeflocken nun in Mariannes Genick. Kurz entschlossen kehrte sie in den „Apfel“ ein, einer Schankwirtschaft, die dem Barfüßerkloster schräg gegenüber, in einer kleinen Gasse lag.{mospagebreak}„Willste was Warmes?“ donnerte der Wirt ihr entgegen, als die rotgesichtige Marianne gerade die Tür ins Schloss fallen gelassen hatte.
„Was für ne dumme Frage! Seh ich aus, als will ich was Kaltes weil’s draußen so warm ist?“ entgegnete sie barsch. „Ich nehm’ ein warmes Bier, wie immer“. Marianne setzte sich und begann sich abwechselnd die Hände zu reiben und in die Fäuste zu hauchen. Der Wirt beeilte sich, den Wunsch seines Gastes zu erfüllen und stellte wenig später den irdenen Krug vor Marianne ab.
„Na, haste ne Bohne für mich?“ Erwartungsvoll blieb er vor dem Tisch stehen und sah zu, wie Marianne in der Tasche zu wühlen begann.
„Wennse gefroren sin kannste se nich kauen.“ stellte Marianne fest und beäugte dabei skeptisch das zahnlose Grinsen des Wirtes. „Auch ungefroren wohl nich“, lachte sie und schob eine Bohne über den Tisch.
Blitzschnell war das Gemüse im Mund des Wirtes verschwunden.
„Aah.“ Der Wirt verzog das Gesicht, als hätte man ihm eine Ohrfeige verpasst.
„Was is?“ fragte Marianne.
„Eiskalt“ brachte der Wirt kaum hörbar heraus.
„Hättste se wenigstens ne Weile in der Hand behalten solln?“ lachte sie und nahm einen kräftigen Schluck aus dem dampfenden Krug.
„Jetz isses eh zu spät“, meinte der Wirt und lachte mit.
Es dämmerte bereits, als Marianne die Wirtschaft verließ, um sich auf den Heimweg zu machen. Kurze Zeit später stand sie vor ihrer Tür, die sie gerade aufgesperrt hatte, als sie im Augenwinkel eine Bewegung ausmachte. Noch ehe sie sich umdrehen konnte, hörte sie den Schnee unter schweren Schritten knirschen und eine Hand legte sich auf ihre Schulter. Im gleichen Moment wurde ihr Name ausgesprochen und die Stimme klang genau so frostig, wie der kalte Dezembersturm, der um die Ecken pfiff.
„Marianne Becke“ hörte sie die Stimme sagen, „du stehst ab sofort unter Hausarrest!“
Erschrocken fuhr Marianne herum und sah sich dem vogelgesichtigen Amtmann Michael Braun gegenüber.
„Aber was...“
„Das wirst du noch früh genug erfahren“, unterbrach er sie und schob sie durch sie Tür ins Haus.
„Untersteh dich, das Haus zu verlassen!“ zischte er ihr zu, wobei seine Nase noch weiter aus dem Gesicht zu ragen schien. „Du stehst unter Beobachtung, vergiss das nicht!“
Der Amtmann drehte sich um und verschwand in der Dunkelheit, woraufhin Marianne eine Bohne aus der Tasche fingerte, um sie sich augenblicklich in den Mund zu schieben. Erschöpft ließ sie sich auf den Schemel fallen und fragte sich, was der Amtmann wohl gegen sie vorbringen könnte. So sehr sie sich auch anstrengte, konnte sie doch keine Antwort auf die Frage finden. Je mehr sie grübelte, merkte Marianne, dass das warme Bier des Wirtes seine Wirkung tat und sie trotz des ausgesprochenen Arrestes Mühe hatte, die Augen offen zu halten. Sie beschloss daher, sich unverzüglich schlafen zu legen.

Wer konnte schon wissen, was der kommende Tag, der 7. Dezember bringen würde?

 

Montag, 17. Dezember 2018

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