Start ... Ich ... und meine Weihnachts- Geschichte 5. Dezember
5. Dezember

5. Tag des Dezember

Vor genau 400 Jahren lebte in Erfurt eine Frau, die angeblich über ungewöhnliche Fähigkeiten verfügt haben soll. Um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten verkaufte sie ihre, nach altem Rezept eingelegten Puffbohnen. Marianne, so ihr Name, war bekannt in der Stadt, wurde aber oft wegen der Gerüchte, die über sie in Umlauf waren gemieden. Sah man sie tagsüber schnellen Schrittes über den Anger huschen, tat man besser daran, sich von ihr abzuwenden. Abends jedoch, wenn die langen Schatten einer tief stehenden Sonne von der Dunkelheit verdrängt wurden, klopfte man bei Marianne an und wurde alsbald eingelassen. Zumeist kamen dann die Liebhaber, der von Marianne eingelegten Puffbohnen, um das Gemüse bei ihr zu kaufen. Nicht selten wechselte gar ein lebendes Huhn seinen Besitzer, der dann glücklich mit einem kleinen Topf voller Bohnen nach Hause zog.
Für die Erfurter viel befremdlicher aber war, dass Marianne vor nichts zurück schreckte und sich selbstbewusst durch die Straßen der Stadt bewegte. Marianne hatte die Angewohnheit, den Dingen auf den Grund zu gehen und besaß einen scharfen Verstand. Deshalb konnte sie nicht selten einen guten Rat geben. Auch ihr Wissen, um einige Mittelchen gegen diese oder jene Krankheit ließ das Getuschel nicht geringer werden.
Marianne, die mit ihren vierzig Jahren, ohne Mann und Kind alleine im Haus ihrer Eltern am Ufer der Gera, unweit des hoch aufragenden Domes wohnte, war für Erfurt schon eine recht ungewöhnliche Erscheinung.
Die Gerüchte, die über sie in Umlauf waren kannte sie und heimlich lachte sie über das Gerede. Sollten doch die Erfurter denken, was sie wollten.
Heute, am Dienstag, dem 5. Dezember 1606, war es Gudrun, eine Base Mariannes, die ihre Hilfe benötigte. 10 Groschen waren spurlos verschwunden. Martin, Gudruns Ehemann, hatte die Münzen letzten Montag bei seiner Frau zurück gelassen. Das war unmittelbar bevor er seine Reise nach Saalfeld antrat, um dort eine Fuhre Holz in Empfang zu nehmen, welches er für die Ausübung seines Tischlerhandwerkes benötigte. Gudrun sollte ein Festmahl zubereiten, sobald er wieder aus Saalfeld zurück war. Spätestens am Freitag würde Martin in Erfurt eintreffen und Gudrun wollte deshalb morgen, am Mittwoch, auf dem Markt etliche Einkäufe erledigen.
In Tränen aufgelöst, bat sie Marianne, ihr doch, >um des lieben Gottes Willen<, zu sagen, wohin die Münzen gekommen waren.
Kurz entschlossen warf sich Marianne ihren Umhang über und trat neben der verheulten Gudrun hinaus in die klirrend kalte Nacht. Vorher fingerte sie sich noch eine Puffbohne aus ihrer Tasche und steckte sie sich in den Mund. Da sich die Tischlerwerkstatt in der Nähe des Krämpfertores befand, führte der Weg der beiden Frauen quer durch die Stadt.
Trotz ihres Kummers war Gudrun darauf bedacht, nicht mit Marianne gesehen zu werden. Deshalb blieb sie immer zehn Schritte hinter der anderen Frau und blickte sich alle fünfzehn Schritte argwöhnisch um. Zum Glück schneite es an diesem Abend in dicken Flocken vom Himmel und der strenge Frost, der seit gestern Erfurt beherrschte, wurde durch die Atemwolken der Frauen sichtbar. Es waren nicht viele Erfurter unterwegs in dieser Nacht und die Spuren der beiden Gestalten im Schnee blieben deshalb unberührt von anderen Füßen. Sie zogen am Dom vorbei, durch die Straße zum Fischmarkt, wo vor wenigen Jahren der Roland aufgestellt worden war, weiter am Rathaus vorüber, über die Krämerbrücke mit den beiden Kirchen an ihren Enden, bis hin zum Krämpfertor. Unterwegs schlug die Uhr des Johannesturmes zur zehnten Stunde. Marianne blieb stehen und lauschte dem letzten, hellen Ton der Stundenglocke.
„So komm doch“ flüsterte Gudrun, die Marianne eingeholt hatte und drängte zur Eile.
„Nur ruhig“ murmelte die Angesprochene und blinzelte mit ihren grauen Augen durch das Schneetreiben zu Gudrun hinüber.
Nur wenige Augenblicke später standen sie vor der Werkstatt des Tischlers. Über ihnen schwang das Zunftzeichen, ein hölzerner Hobel, quietschend im Wind hin und her. Hastig brachte Gudrun einen rostigen Schlüssel aus ihrer Tasche zum Vorschein und sperrte die Tür auf. Leise knarrend gab diese den Blick auf den steinernen Boden des Flures frei. Marianne schob sich eine weitere Bohne in den Mund und drängte hinein ins Haus. Einen Unterschied zur Temperatur auf der Straße konnte sie nicht feststellen. Martin galt als rechter Geizkragen und man munkelte, dass er lieber das Holz verbaute, anstatt es zum Heizen zu verwenden und es seiner Frau dadurch etwas angenehmer zu machen.
Gudrun hatte inzwischen eine kleine Öllampe entzündet, in deren Licht Marianne erneute Tränenströme über das Gesicht der Tischlergattin rinnen sah.
„Nun erzähl doch“, sprach sie die mittlerweile schluchzende Frau an. „Wann haste denn das Geld zuletzt geseh’n?“
„Das war als Martin ging. Er legte die Münzen hier hin. Ich seh’s noch wie heute.“ Gudrun deutete auf eine Stelle des Tisches in der >Guten Stube< die sie gerade betreten hatten.
Marianne erkannte, dass der Tisch nicht gerade als sauber zu bezeichnen war. „So, so“, murmelte sie und beugte sich hinunter, um unter den Tisch zu schielen.
„Brauchste nich zu gucken“ meinte Gudrun zwischen zwei Schluchzern. „Hab ich schon zehn Mal drunter gesucht. Da isses nich!“
Marianne scharrte mit ihren Schuhen über die Dielen unter dem Tisch und schob dabei einige Essensreste beiseite.
„Na, so genau kannste nich nachgeseh’n haben“ meinte sie, blickte kurz zu Gudrun hinüber bevor sie das Zimmer weiter mit den Augen absuchte.
„Sag schon! Weißte nun wo das Geld is?“ drängte Gudrun. „Hast wohl keine Ahnung, was?“
„Nee, da muss ich schon etwas mehr suchen.“ Marianne zuckte mit den Schultern.
„Könnte dir so passen, das gibt’s nich!“ Wütend stampfte Gudrun so auf den Holzboden auf, dass eine Staubwolke ihren Rocksaum vernebelte. „Entweder sagste mir jetzt wo’s is oder du kannst gleich abhau’n.“ schimpfte sie. „Dafür bin ich nun zwei Mal durch die ganze Stadt gelatscht. Das Ergebnis hätt ich auch selber fabrizieren können.“
„Dann lass mich raus, hab Besseres zu tun, als mir dein Gewäsch anzuhöhr’n“. Marianne war zur Tür getreten und legte ihre Hand auf die Klinke.
„Pha, was kann das schon sein, du Hexe.“ rief Gudrun ihr zu.
Marianne zuckte unmerklich zusammen und blieb im Türrahmen stehen. „Sag das noch mal!“
„Hexe.“ Gudrun trat einen Schritt auf Marianne zu und deutete dann auf die Tür. „Mach endlich, dass du deines Weges gehst, sonst...“
„Was sonst?“ unterbrach Marianne.
„Ich schreie die ganze Nachbarschaft aus dem Schlaf, wenn du nicht gleich aus meinen Augen bist!“ Gudruns Stimme war inzwischen immer schriller geworden und Marianne hatte keine Lust, sich dieses Gekeife auch nur eine Minute länger anzuhören. „Du weißt nicht, was du sagst“ meinte sie nur und stand wenige Augenblicke später im dichten Schneetreiben, um in Richtung Domplatz davon zu stapfen.
Weiter hinten in der Straße begannen einige Studenten Lieder zu singen, die erst verstummten, als sie um die nächste Ecke gebogen waren. Es lag eine Ruhe über der Stadt, wie sie nur bei Schneefall im Winter vorkommt. Diese Stille wurde mit einem Mal durch Gudruns kreischender Stimme durchschnitten. „Die Hexe hat mich beklaut, ich will mein Geld zurück! Helft mir doch! Da läuft sie davon!“
Marianne eilte nun schneller durch die Stadt und hörte hinter sich einige Fensterläden und Türen schlagen. Hastig wühlte sie im Laufen eine Puffbohne aus ihrer Tasche, schob sie sich in den Mund und begann sie zu zerkauen. Augenblicklich merkte sie, wie sie ruhiger wurde. Sie dachte über die letzte Stunden nach und machte sich nun doch Sorgen. „Das kann böse werden, Marianne“ murmelte sie vor sich hin und hielt sich für den Rest des Weges im tiefen Schatten der Häuserwände. Die Glocke im Paulsturm schlug gerade zwölf, als sie hinter sich die Tür verschloss.

 

Montag, 17. Dezember 2018

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