Start ... Ich ... und meine Weihnachts- Geschichte 24. Dezember
24. Dezember

24. Tag im Dezember 1606 - Sonntag

Kurz nach Mitternacht trafen sie in Erfurt ein und Johann begab sich sofort zum Rat. Ohne anzuklopfen, noch völlig außer Atem und in schmutziger Reisekleidung trat er vor seinen Dienstherrn. Der Rat hatte, wie Johann wusste, die Angewohnheit bis spät in die Nacht hinein Bücher zu studieren. So verwunderte es nicht, dass Johann den Braun, tief in ein Buch versunken am Tisch sitzend antraf. Erst als der Kutscher ihn ansprach schrak der Rat hoch und blinzelte im Schein der Kerzen zu Johann hinüber.
"Bist du von Sinnen? Was fällt dir ein, mitten in der Nacht hier herein zu schneien?" regte sich Wolrabe auf.
"Herr Rat ... es tut mir leid ... aber ich muss Euch Sachen berichten, die von einiger Wichtigkeit sind." stammelte Johann, der merkte, dass er einen Fehler begangen hatte.
"Hat das nicht bis morgen Zeit?"
"Bitte Herr Rat, kann ich nich..." flehte Johann, als ihn der Rat mit einer Handbewegung zum Schweigen brachte.
Johann ließ den Kopf hängen und machte sich daran, das Zimmer zu verlassen.
"Also gut, dann mach schon, aber fass dich kurz!" befahl Wolrabe.
Johann begann dem Rat zu berichten, was er in den letzten Tagen herausgefunden hatte. Obwohl der Bericht nicht, wie gewünscht, kurz ausgefallen war, folgte ihm der Rat mit wachsendem Interesse.
Als Johann schließlich am Ende angelangt war, dachte der Rat eine zeitlang nach. "Unglaublich,“ war schließlich alles, was er zunächst heraus brachte. Immer wieder schüttelte er den Kopf, während er im Zimmer auf und ab ging.
"Geh Johann, lauf zum Amtmann, ich will ihn sofort sprechen!" sagte er nach einer Weile.
"Aber wisst Ihr wie spät es ist?" fragte Johann ungläubig.
"Das ist mir vollkommen egal, ich will, dass dieser 24. Dezember einigen Leuten im Gedächtnis bleibt!"

Trotz des Sonntags, an dem normalerweise sämtliche Arbeiten ruhten, hatten sich alle Beteiligten am frühen Morgen, im großen Verhörsaal eingefunden. Der Rat hatte gegenüber dem überaus übel gelaunten Amtmann, der sich mitten in der Nacht beim Rat einfinden musste, darauf gedrungen, dass noch heute eine Klärung im Fall der Marianne Becke erfolgen sollte.
Braun war daraufhin nichts weiter übrig geblieben, als die Beteiligten heute, ganz früh am Morgen in das Rathaus zu bestellen.
Die Beschuldigte wurde von Berthold hereingeführt und Marianne erkannte die Männer, die schon während den früheren Befragungen anwesend waren.
Da war Tetzel, ihr Notarius, der überhaupt nichts für sie getan hatte, dann der Pfaffe, der finster zu ihr herüber blickte, der Amtmann, der glatzköpfige Richtergehilfe und der Schreiber.
Im großen Verhörzimmer befand sich im Gegensatz zum kleinen eine weitere Bank, die links vom Tisch des Amtmanns stand. Auf dieser Bank saßen die, die in Mariannes Fall etwas auszusagen hatten. Sie erkannte Edwina, Johann, zu ihrem Erstaunen den Rat Wolrabe, ihre Base Gudrun und Brassel den Arzt. Außer ihm saß dort noch ein Bursche, den sie noch nie zuvor gesehen hatte.
Der Amtmann stand kurz von seinem Stuhl auf und begrüßte mit einem Nicken den Rat, der seinerseits nur mit einer knappen Kopfbewegung den Gruß erwiderte.
"Nun," fing er an, nachdem er sich wieder gesetzt hatte, "beginnen wir dieses Knäuel aus Unwahrheiten und Wahrheiten im Zusammenhang mit der beschuldigten Marainne Becke zu entwirren. Am einfachsten wird uns die gelingen, wenn wir mit den kleineren Anschuldigungen beginnen."
"Gudrun Meisel?" Braun blickte in Richtung der Angesprochenen, die sich augenblicklich erhob.
"Ja, Herr Amtmann!" brachte sie leise hervor.
"Sag, was ist mit den zehn Groschen, die plötzlich bei dir verschwunden sind?"
"Nun, hab ich Euch das nich schon gesagt?"
"Ja, das hast du! Du bleibst also dabei, dass die Becke," Braun zeigte auf die Beschuldigte, " für das Verschwinden des Geldes zuständig ist?"
"Ja!" war die knappe Antwort.
Daraufhin gab Braun seinem Gehilfen Berthold ein Zeichen und dieser öffnete die Tür. Martin Meisel tauchte darin auf und stürmte sogleich auf die Bank zu, auf der sich mit schreckgeweiteten Augen, sein Weib Gudrun grade wieder niedergelassen hatte.
"Er drehte sich zum Amtmann herum und zeigte mit der Hand auf die zitternde Frau. "Der würd ich nich mal einen Groschen hier lassen, geschweige denn zehn!" rief er aufgebracht. "Ehe ich bis drei gezählt hätte, wäre das Geld verschwunden! Weiß nich, wo sie es hinbringt, aber es ist weg sobald es auf dem Tisch liegt. Ich schufte und schufte, verdiene so manchen Gulden." erklärte er. "Sobald ich ihn ihr dann bringe, ist er weg!" Martin Meisel schüttelte den Kopf. "Nein, ich hab das Geld erst garnich hier gelassen!"
"Heißt das, dass du ihr zwar angekündigt hattest, die Groschen auf den Tisch zu legen, es dann aber gelassen hast?" fragte Braun.
"Kann schon sein". Der Tischler hob die Schultern. "Habs mir dann halt überlegt und das Geld lieber mitgenommen!"
"Dann kann ichs nich genommen haben!" rief Marianne aufgeregt dazwischen. "Weil es überhaupt nich da war! Kanns dann ja auch nich weggezaubert und unter meinem Fußboden versteckt haben! Martin hatte es ja mitgenommen, wie er eben gesagt hat!"
"Ruhe!" fuhr der Amtmann Marianne an. "Ich kann selbst eins und eins zusammen zählen!"
"Warum bist du nicht am 8. Dezember von Saalfeld zurück gekommen?" fragte Braun den Tischler.
"Weil ich nicht in Saalfeld, sondern in Stadtilm war! Hab mir schon lange eine zweite Tischlerei aufgebaut, mit einem kleinen Häuschen daneben und einer Magd, die mich..." er sah nach unten und vollendete den Satz nicht.
Johann und Argus, die nebeneinander auf der Bank saßen, konnten sich ein Grinsen nicht verkneifen, weil sie daran denken mussten, dass sie gestern den Meisel aus dem Bett zerren mussten, in welchem außerdem ein recht ansehnliches Weibsbild lag, dass aufgeregt versucht hatte ihre Blöße zu bedecken.
Braun war unerbittlich: "Was ist mit der Magd?" tönte er.
Trotzig sah Meisel zu Gudrun hin. "Ich leb halt mit ihr, weil sie mich gern hat und nicht nur meine klimpernden Münzen!"
Gudrun schnappte nach Luft.
"Jetzt tu noch so, als wär das für dich was Neues!" rief er zu ihr hinüber. "Hasts mir doch schon auf den Kopf zu gesagt, weiß der Kuckuck wie du es rausgefunden hast!" fuhr er sie an.
„Hab ihr Anfang Dezember gesagt, dass ich nich wieder komm. Sie hätte ja die Tischlerei meinetwegen verkaufen können, dann hätte sie schon ihr Auskommen gehabt." sagte er an den Amtmann gewandt.
"So, so," meinte der, "das ist ja interessant!" Du wusstest also, dass dein Mann nicht zu dir nach Erfurt zurück kehrt und beschuldigst die Becke, ihn weggehext oder mit einem Bann von hier fern gehalten zu haben? Du hättest in Kauf genommen, dass Marianne für Jahre in den Kerker gegangen wäre oder sogar ins Feuer?" Die Stimme des Amtmanns war immer lauter geworden. "Weib was bist du für ein Aas?" brüllte er schließlich.
Gudrun zuckte zusammen, antwortete aber nicht, sondern starrte immerzu auf den Boden.
"Gut, mit dir werde ich mich noch befassen" rief er ihr zu, "jetzt geht es jedoch um die Becke, die hier vor uns steht." Er deutete wieder auf Marianne, so als wüsste nicht jeder hier im Saal wer gemeint war.
"Somit ist geklärt und entkräftet," diktierte Braun dem Schreiber, indem er sich zu ihm hinüber beugte, "der Vorwurf des Diebstahls des Geldes der Tischlerin und der Durchführung Schwarzer Kunst, um den Tischler, von Erfurt fern zu halten."
"Wie sieht es nun mit dem Geld unter deiner Diele aus?" fragte Braun Marianne.
Sie sprang so schnell auf, dass Berthold nicht eingreifen konnte. "Ich schwöre," begann sie und hob ihre Hand über den Kopf, "beim Grabe meiner Mutter, dass ich das Geld ehrlich verdient habe. Habe jahrelang Puffbohnen verkauft! Und das, was Ihr gefunden habt, ist der Lohn für das Einlegen und den besten Geschmack meiner Bohnen!"
"Das kann ich bestätigen," meldete sich nun der Rat zu Wort.
"Ich habe Johann, meinen Kutscher, zu ihr geschickt, um Bohnen für mich zu kaufen. Sie waren nicht die billigsten, aber dafür die schmackhaftesten! Das kann ich versichern!"
Braun, der sich nicht traute die Worte des Rates in Zweifel zu ziehen, hob die Brauen. "Dann ist es also wirklich so, dass es sich bei dem Geld um deines handelt?"
Marianne nickte. "Nicht nur dieses," sagte sie stolz, sondern auch das Geld, das ich im Schrank versteckt hatte. Johann hat es für mich in Sicherheit gebracht ..."
"Nein," rief der Kutscher dazwischen, " das konnte ich nicht tun!".
"Was?" Marianne wusste nicht, was sie davon halten sollte.
"Ich konnte es nicht in Sicherheit bringen, weil es nicht da war!" erklärte er.
"Aber es muss dort gewesen sein!" beharrte Marianne. Sie überlegte kurz bevor sie hinüber zum Amtmann sah. "Dann habt Ihr es mir genommen!"
"Weib, überleg doch, was du sagst! Du hast selbst gesehen, wie ich nur die Münzen unter den Dielenbrettern an mich nahm. Jakob und Berthold standen daneben und ..."{mospagebreak}"Gudrun!" rief Johann dazwischen und zeigte auf das Weib des Tischlers. "Ich hab gesehen, wie sie aus Mariannes Haus kam, sie muss es genommen haben!"
Die Tischlerin war inzwischen blass wie ein Laken und schluchzte, ohne auf die Vorwürfe zu antworten.
"sag Gudrun, hast du etwas mit dem Geld der Becke zu schaffen? Fragte Braun ganz ruhig.
"Nein!"
"Also gut, wie du willst!" rief der Amtmann und reckte seine lange Nase nach oben. "Jakob und Berthold, geht sofort zum Haus des Tischlers und stellt es meinetwegen auf den Kopf. Hauptsache, ihr findet Münzen!"
Grade als die beiden Gehilfen dem Befehl gehorchen wollten, sprang Meisel auf. "Vergesst nicht in der Truhe nachzusehen, die unter dem Fenster in der guten Stube steht. Darin müsste sich ein kleines Holzkästchen mit Schnitzereien auf dem Deckel befinden. Im Kästchen ist Gudruns Münzschatz, bevor er dann spurlos verschwindet."
Gudrun klappte der Unterkiefer herunter. "Woher ..."
"Ja denkst du denn, ich bin all die Jahre blind gewesen?" fuhr er sie an.
Gudrun schlug die Hände vor das Gesicht und nur am Zucken ihrer Schultern konnte man ablesen, dass sie Tränen vergoss.
"Ihr habt ja Recht," schluchzte sie schließlich. "Ich war dort und hab das Geld genommen, weil ich es für Marianne aufheben wollte."
"Pha," rief Marianne, "wer hat dich denn darum gebeten? Du hast es gestohlen, das ist es!"
"Nein," rief Gudrun, "es ist ja alles noch da! Außerdem bist du eine Hexe! Hab dein Zauberbuch gesehen und deinen Hexentalisman! Beides lag in der Schlafkammer. Danach solltet Ihr suchen, Amtmann!"
"Meinst du etwa diese Sachen hier?" Johann war aufgestanden und hielt das Buch sowie das Amulett aus der Schlafkammer in der Hand.
"Ja genau, das sind die Sachen!" kreischte Gudrun und sah triumphierend zu Marianne hinüber.
"Dann sieh dir doch genauer an, was das für Sachen sind!" sagte Marianne ruhig. Das Amulett ist der Talisman meiner Großmutter, die ihn von einem Erfurter Ratsmitglied geschenkt bekommen hat, dem ihre eingelegten Bohnen bis ins hohe Alter hervorragend geschmeckt haben. Wenn man das Loch in der Mitte genau betrachtet erkennt man, dass es nicht rund ist, sondern die Form einer Bohne hat. Das Buch, ist das alte Rezeptbuch meiner Großmutter, welches sie aus der Lausitz mitgebracht hat. Dort drin ist nicht nur das Einlegen von Gurken und anderem Gemüse beschrieben, sondern auch das von Bohnen."
"Womit auch diese Punkte geklärt wären," sagte Braun.
"Womit hast du denn das Festmahl, dass du für deinen Mann am 8. Dezember vorbereitet hattest bezahlt?" fragte Braun, nun wieder an Gudrun gewandt.
"Woher wisst Ihr?" Entgeistert blickte sie zum Amtmann.
"Du hattest einen Krug aus der Schankwirtschaft gegenüber kommen lassen und der Wirt hat Johann bereitwillig Auskunft gegeben. Er konnte sich noch gut an den Tag erinnern, weil ein herrlicher Bratenduft bei dir in der Luft hing."
Gudrun klappte zusammen und stöhnte auf. "Das Meiste Geld ist aber noch da!" sagte sie.
"Das werden wir noch feststellen, darauf kannst du dich verlassen!" meinte Braun und begann ohne Übergang, dem Schreiber eine kurze Zusammenfassung dessen, was in den letzten Minuten ans Tageslicht gekommen war, zu diktieren.
"Tja," meinte Johann nach einer Weile, und stand auf, "Herr Amtmann, meint Ihr nicht, das es ganz so aussieht, als ob die Marianne Becke, vollkommen unschuldig ist?"
Braun sah überrascht auf und unterbrach das Diktat. "Was meinst du damit?"
"Na, dass die Marianne doch nun frei gelassen werden kann!"
"Keinesfalls! Wie kommst du darauf?" fragte Braun.
"Sämtliche Vorwürfe haben sich doch nun in Luft aufgelöst. Warum wollt Ihr sie dann noch festhalten?"
"Da gibt es noch immer den Punkt der versuchten Vergiftung deines Dienstherren, dem Rat Wolrabe!"
"Wie?" Johann klappte die Kinnlade nach unten. "Wie soll das zugegangen sein?"
Johann hatte zwar die Freilassung Edwinas erlebt, aber dass statt der Magd nun Marianne verdächtigt wurde war ihm durch die Reise nach Saalfeld entgangen.
"Ganz einfach," meinte Braun. "Du selbst hast ihr dabei, unwissentlich geholfen!"
"Was?" Entsetzt und mit weit aufgerissenen Augen starrte Johann den Amtmann an. "Wovon sprecht Ihr, verdammt!"
Der Pfaffe warf ihm daraufhin einen scharfen Blick zu.
Johann, der sich bereits am Ziel seiner Bemühungen gesehen hatte, musste nun erneut einen Kampf mit dem Gegner aufnehmen.
"Gift," meinte Braun und sortierte einige Papiere, vor sich auf dem Tisch, "ich meine ganz einfach Gift!" Als er das Blatt, das er suchte gefunden hatte begann er den Text, der darauf stand, wiederzugeben:
"Die Beschuldigte, Marianne Becke, hat versucht den Rat Wolrabe durch Beibringen von Gift, das Leben zu nehmen." begann er.
"Unsinn!" rief Johann dazwischen und erntete von Braun einen missbilligenden Blick, bevor er sich wieder dem Papier zuwendete.
"Die Beibringung erfolgte mehrfach und mit vergifteten Puffbohnen.
"Wie?" Johann fing, obwohl es ihm eigentlich nicht danach sein dürfte, zu lachen an.
"Noch eine solche Unterbrechung und du sitzt entweder unten im Keller oder draußen vor der Rathaustür." ermahnte ihn der Amtmann.
"Also," fuhr er fort, "die Beschuldigte schenkte dem Opfer, eben dem Rat Wolrabe, eine Bohne als Kostprobe, die dieser verspeiste. Sie schien ihm so gut zu schmecken, dass er den Kutscher Johann, um den 28. November herum zur Beschuldigten schickte, eben der Becke, um einen ganzen Topf dieser Bohnen zu kaufen."
Der Rat nickte zustimmend.
"Am Abend dieses Tages hatte der Rat mehrere Gäste, denen das eben erst erstandene Gemüse als Beilage zu mehreren Fleischgerichten aufgetischt wurde." Braun blickte nun hinüber zu Edwina.
"Ja, Herr Amtmann, so ist es gewesen." sagte die Magd. " Die Schale mit den Bohnen war, nachdem die Gäste gegangen waren, vollkommen leer."
"Und ich hatte wieder nur eine oder zwei Bohnen abbekommen." fügte der Rat hinzu.
"Deshalb," Braun blickte zum Rat hin, "habt Ihr Euren Kutscher Johann, am 6. Dezember nochmals zur Becke geschickt. Diesmal sollte er gleich zwei Töpfe mit den Puffbohnen erstehen. Nicht wahr, Johann?"
"Ja, dass kann ich so bestätigen," musste der Kutscher zerknirscht zugeben.
"Der Rat," fuhr Braun fort, "nahm die Bohnen zu sich und wurde so vergiftet. Brassel, der Arzt, hat ihn daraufhin mit einer Kur geheilt." Der Amtmann blickte nun zum Arzt, der zustimmend nickte.
"Dem Rat ging es also wieder besser, und zwar so lange, bis er erneut von den Bohnen aß!
Edwina," sprach Braun nun die Magd an, "du müsstest dies doch eigentlich wissen, denn du hast sie ihm auf seinen eigenen Wunsch hin gebracht?"
Die Magd bekam große Augen.
"Nein, nein, keine Angst, dich trifft keine Schuld! Woher solltest du wissen, dass die Bohnen vergiftet sind?" beruhigte sie der Amtmann.
"Kannst du uns nun bestätigen, dass der Rat, jeweils vor seinen Erkrankungen Puffbohnen gegessen hat?"
"Ja, wenn ich’s recht überlege, Herr Amtmann," brachte sie heraus und blickte misstrauisch zu Marianne. Edwina wusste nun nicht mehr, was sie von der Bohnenhändlerin halten sollte.
Johann erhob sich langsam von seinem Platz. "Herr Amtmann, wie hätte Marianne aber das Gift in die Bohnen bringen sollen? Ich war schließlich dabei, als sie die Töpfe aus dem Keller holte. Nicht einen Augenblick hatte sie Gelegenheit, die Bohnen zu vergiften!" rief Johann. "Ja, sie hat mir sogar eine der Bohnen in den Mund geschoben!"
"So?" fragte Braun. "Hast du denn auch gesehen, aus welchem Topf sie diese Bohne genommen hat?"
"Nein, das nicht, es war dunkel im Keller." musste Johann zugeben. "Aber warum hätte sie mir vergiftete Bohnen für den Rat mitgeben sollen? Edwina oder auch ich hätten doch auch davon essen können?" rief Johann.
"Schmecken dir denn die Bohnen?"
Johann musste, ob er wollte oder nicht, das Gesicht verziehen. "Nein, ich esse die Dinger nicht."
"Könnte es dann nicht sein, dass die Becke das wusste und dass sie deshalb keine Bedenken hatte, dir die vergifteten Bohnen zu überlassen?"
Der Amtmann bückte sich und stellte einen der beiden, in Wolrabes Küche beschlagnahmten Töpfe, vor sich auf den Tisch.
"Marianne Becke, kennst du diesen Topf?"
"Ja, solche nehm ich, um Bohnen darin einzulegen!"
"Nach all dem, was ich soeben vorgetragen habe," meinte Braun, "musst du doch merken, dass viele Punkte gegen dich sprechen? Gibst du vielleicht jetzt endlich zu, den Rat vergiftet zu haben?"{mospagebreak} "Ich..."
"Halt!" Argus Mollt unterbrach Marianne. Er ging ohne ein weiteres Wort vor zum Tisch des Amtmanns, hob den Deckel vom Bohnentopf, griff hinein und steckte sich gleich eine ganze handvoll Bohnen in den Mund.
Verblüfft über die Situation, in welcher innerhalb kurzer Zeit, dies alles geschehen ist, waren weder der Amtmann, noch die Gehilfen in der Lage einzugreifen. Wie versteinert verfolgten sie das Mahlen der Zähne des Burschen und wie er dann schluckte. Tatenlos sahen sie zu, wie er eine weitere handvoll Bohnen aus dem Topf fischte, um sie Marianne anzubieten. Ohne zu zögern griff sie zu und auch diese Bohnen fanden ihren Weg in einen Magen, in den von Marianne.
Der Saal erwachte nun aus der Erstarrung und das Stimmengewirr bildete eine verwirrende Geräuschkulisse. Bereits zum dritten Mal war Argus am Topf und zum dritten Mal holte er Bohnen daraus hervor. Diesmal hielt er sie Johann hin.
"Nein!" rief der, schüttelte den Kopf und schob die Hand weg.
"Du musst!" flüsterte Argus leise. "Es ist für Marianne! Es passiert dir nichts, glaub mir! Nimm die Bohnen und schluck sie runter!"
Widerwillig streckte Johann seinen Arm aus und Mollt ließ die Bohnen in seine Hand fallen. Der Kutscher starrte einen Moment darauf, als hielte er dort einen Kuhfladen und steckte dann alle Bohnen auf einmal in den Mund. Er würgte sofort, verzog angewidert das Gesicht, würgte erneut und schluckte schließlich. Tränen liefen ihm dabei über das Gesicht und schon musste er wieder würgen. In diesem Augenblick schwor er sich, nie wieder eine von diesen Dingern zu essen, nie wieder!
"He, Bursche!" rief der Rat. "Bring mir auch ein paar herüber! Er wusste, was Argus demonstrieren wollte: nämlich, dass die Bohnen ungefährlich waren.
"Nein, Ihr bekommt keine einzige Bohne, sonst werdet Ihr ernsthaft krank!" erklärte Argus ruhig.
"Also doch!" Braun schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, während Johann nun wieder überlegte, ob er dem Würgen seines Magens jetzt lieber doch nachgeben sollte.
"So hört doch!" rief Argus, "nur der Rat darf nicht von den Bohnen essen! Allen anderen geschieht beim Verzehr nichts. Hätte ich sie sonst selbst gegessen? Oder etwa Marianne, oder Johann?"
"Das ist Zauberei!" unterbrach ihn nun der Pfaffe und war von seinem Platz aufgesprungen.
"Ist es nicht!" entgegnete Mollt. "Es ist nur so, dass der Rat die Bohnen nicht verträgt. Er könnte sogar daran sterben! Dagegen machen sie uns übrigen hier, überhaupt keine Schwierigkeiten."
"Wie kommst du zu solchen Erkenntnissen?" fragte nun Brassel. "Entweder ist etwas giftig, oder eben nicht! Anderes habe ich noch nie gehört!"
"Das könnt Ihr auch nicht." meinte Argus. "Diese Unverträglichkeit von Bohnen wird, je weiter man nach Süden man kommt, immer häufiger. Ihr könnt es mir glauben! Ich weilte eine ganze Zeit am Mittelmeer, im Athener Gebiet und dort wurden immer wieder Erkrankungen und Todesfälle nach dem Verzehr von dicken Bohnen, also Puffbohnen, wie man sie hier in Erfurt nennt, festgestellt." Argus merkte, dass alle Anwesenden wie gebannt an seinen Lippen hingen und darauf warteten, dass er mit seinem Bericht fortfuhr.
"Deshalb gab es dort unten auch keine Händler, die diese verkauften. Wenn fremde Krämer aus dem Norden in die Stadt kamen, um doch einen Sack mit dicken Bohnen zu veräußern, gab es danach unzählige Krankheits- und Todesfälle. Immer erst wenn es zu spät war erinnerten sich die Leute daran, dass die Bohnen für viele von ihnen pures Gift waren.
"Hier jedoch in Erfurt, gibt es wohl nur einen Menschen, für den der Verzehr der Puffbohnen lebensgefährlich ist: den Rat Wolrabe!"
Nach diesen Worten trat er erneut an den Topf und ließ eine Ladung Bohnen in seinem Mund verschwinden.
"Seht Ihr?"
"Ich glaube, Amtmann, der Bursche spricht die Wahrheit." meinte Wolrabe. "Ich möchte allerdings seine These nicht auf ihre Richtigkeit überprüfen, und werde wohl für immer auf diese wohlschmeckenden Bohnen verzichten müssen!
"Hm!" Braun wagte nicht, dem Rat zu widersprechen.
Johann sprang indessen von seinem Platz auf, um die Bohnenhändlerin zu umarmen, während Jakob und Berthold die schluchzende Gudrun abführten.

 

Mittwoch, 19. Dezember 2018

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