Start ... Ich ... und meine Weihnachts- Geschichte 23. Dezember
23. Dezember

23. Tag im Dezember 1606 - Sonnabend

Johann erwachte noch ehe die Sonne aufgegangen war. Zuerst wusste er nicht, wo er sich befand, denn alles was er um sich herum im Raum erblickte, sogar das Zimmer selbst, war ihm fremd. Wahrscheinlich lag es an dem heißen Rotweingetränk vom letzten Abend, dass er seinem Gedächtnis zunächst ein wenig mehr Zeit einräumen musste. Erst langsam erinnerte er sich an den gestrigen Tag, der damit begonnen hatte, dass er Marianne aufgesucht und dann seine Abreise organisiert hatte. Er musste lächeln als er sich entsann, wie ihn auf dem Rückweg vom Rathaus
fast ein Hund über den Haufen rannte und dabei wie verrückt bellte. Dem Hund war ein schlaksiger Bursche mit breitem Grinsen im Gesicht gefolgt.
Johann freute sich ehrlich Argus Mollt wiederzusehen und kniete nieder, um Leni hinter den Ohren zu kraulen.
"Wo rennst du denn so schnell hin? fragte der Bursche und lachte. "Immer wenn wir uns begegnen bist du in Eile!"
"Ja, da kannst du recht haben. Bin schon wieder dabei, Erfurt für kurze Zeit zu verlassen. Anscheinend mach ich mirs zu Gewohnheit, umherzufahren." Johann zuckte mit den Schultern.
"Was gibts denn auch schöneres, als sich die weite Welt anzusehen? Weisst ja, dass ich von Athen bis Paris unterwegs war." Argus zwinkerte ihm zu.
"Na, so weit solls ja nun nicht gehen! Ich will so schnell wie möglich runter nach Saalfeld und einen Mann ausfindig machen." sagte er und begann dann zu erzählen.
Argus hörte sich die Geschichte an, von der Johann ihm zum Teil schon auf der Fahrt von Arnstadt nach Erfurt berichtet hatte. So erfuhr er, wie es Marianne im Gefängnis und bei den Verhören ergangen war, auch von Johanns Plan, der ihn nach Saalfeld führen sollte.
"Weißt du was? Ich würde dich gern begleiten!" sagte Mollt. "Bin immer auf der Wanderschaft und mich hälts nicht lang an einem Ort. Eine kleine Abwechslung würde mir schon gefallen! Zu zweit macht das Umherfahren doch viel mehr Spaß und ist auch sicherer."
Johann lachte und klopfte Mollt auf die Schulter. "Das nenne ich einen schnellen und guten Entschluss! Jetzt freu ich mich richtig auf die Reise! Jetzt muss ich nur noch mit meinem Herrn, dem Rat sprechen."
Sie verabredeten, dass Argus in einer Stunde vor dem Haus Wolrabes auf Johann warten sollte.

"Was hast du vor?" Edwina starrte Johann entgeistert an und vom hölzernen Kochlöffel, den sie in der Hand hielt tropfte es unablässig auf den blankgewienerten Boden der Küche.
"Ich muss versuchen, Marianne da raus zu holen! Du musst doch wissen, wie schlimm es im Keller des Rathauses ist?"
"Ja, das weiß ich wohl. Bloß, wie willst du es anstellen, dass sie auf freien Fuß kommt?" fragte die Magd.
"Edwina, lass das mal nur meine Sorge sein." meinte er. " Ich möchte dich nur um einen Gefallen bitten!"
Die Magd hörte sich mit hochgezogenen Augenbrauen an, was Johann von ihr erbat und nickte dann lächelnd.
Wenig später klopfte sie an der Tür von Wolrabes Arbeitszimmer an und trat ein, nachdem sein tiefes >Herein!< zu hören war.
"Nun? Edwina, was gibts?"
"Ich weiß nicht ... wie ichs ... sagen soll", stammelte die Magd und scharrte verlegen mit dem Schuh über die Dielen.
"Nur raus damit!" forderte Wolrabe sie zum Reden auf. "Ist dir das Essen verbrannt? Hast du es am Ende vielleicht versalzen?"
"Nein, das ist es nicht. Es geht um das, was Ihr mir gesagt habt, als mich der Amtmann aus dem Kerker entlassen hat."
"So?"
"Na ja, um den Wunsch halt, den Ihr mir erfüllen wolltet, wenn ich einen hätte." sagte Edwina.
"Ach das!" meinte der Rat und stand von seinem Schreibpult auf, kam auf sie zu und legte seine Hand auf ihren Arm. "Nun, was soll ich dir denn für einen Wunsch erfüllen?"
"Ach Herr Rat, so schlimm ist's damit nich. Ich möcht Euch nur bitten, dem Johann ein paar Tage frei zu geben und ihm außerdem für die Zeit, zwei von den Rössern aus dem Stall zu überlassen."
"Hm, darf ich denn wissen, was er damit vor hat?" fragte Wolrabe. "Am Ende tut er etwas, was nicht erlaubt ist und bringt mich in Schwierigkeiten?"
"Nein! Um Himmels Willen! Ist bestimmt nicht schlimm!" rief die Magd und zupfte dabei aufgeregt an ihrem Rock herum. "Er will der Becke Marianne helfen, damit sie der Amtmann aus dem Gefängnis entlässt."
"Glaubt denn Johann, dass die Becke unschuldig ist?"
"Ja, ja! Freilich!" beteuerte Edwina.
"Nun, ich weiß zwar nicht was er vor hat und ich hoffe, dass er sich und mich nicht in Dinge verwickelt, die ihm dann auf die Füße fallen!" sagte Wolrabe. "Von mir aus kann er die Gäule nehmen. Er soll sich nur beeilen, dass er am Montag wieder hier in Erfurt ist!"
"Danke Herr Rat, werds ihm ausrichten." Freudestrahlend rauschte Edwina aus dem Zimmer und hinunter in die Küche, wo Johann bereits ungeduldig auf die Antwort wartete.
Der Kutscher brauchte nicht lange, um die Pferde zu satteln und sie hinaus auf die Straße zu führen.
Edwina hatte ihm und auch Argus reichlich Wegzehrung eingepackt, so dass sie ihre Reise ohne Verzögerung beginnen konnten. Der Weg führte sie über Klettbach nach Kranichfeld, wo sie zur Mittagsstunde eine Rast machten. Dann ritten sie schnurstracks und ohne Hinderungen weiter, über Rittersdorf, Teichel und Ammelstädt gradewegs bis hinein nach Rudolstadt, wo sie im Gasthaus >Zum Ochsen< heißen Rotwein bis kurz vor Mitternacht tranken und dann nächtigten.

Herrlichster Sonnenschein lag über dem tief verschneiten Thüringer Wald. Keine Wolke bedeckte den Himmel, als Johann und Argus am Sonnabend aus Rudolstadt hinaus, der Saale entlang, in Richtung Saalfeld ritten. Nach einer guten Stunde erblickten sie die ersten Türme und Häuser der Stadt, die erst vor drei Jahren an das Herzogtum Sachsen-Altenburg übergegangen war.
Ihr weg führte sie am alten Benediktinerkloster vorüber, als sie sich dann langsam der Stadtbefestigung näherten.
"Nun, Argus, ich denke, dass es jetzt spannend wird. Wollen doch mal sehen, was wir herausbekommen." sagte Johann als sie durch das Saaltor ritten und die Stadtmauer passierten.
Einige Händler und Bauern standen am Straßenrand, die Johann gleich fragte, ob sie sich vielleicht an den Tischler Meisel aus Erfurt erinnern könnten, der hier vor drei Wochen angekommen sein musste. Die Händler schüttelten einer nach dem anderen den Kopf und schickten ihn weiter zur Tahrgasse, wo der Holzhändler Huth sein Geschäft betreiben sollte. Johann und Argus gelangten zunächst in die Darrtorstraße, an deren Ende, unübersehbar das Darrtor mit seinen Zinnen und der kegelförmigen Turmspitze stand und ein eindrucksvolles Bild bot. Unmittelbar in der Nähe fanden sie nach einigem Suchen die Tahrgasse.
Das Haus des Holzhändlers war prächtig anzusehen. Ein mehrstöckiges Fachwerkhaus mit reichlich Schnitzereien an den Balkenenden zeugte vom Wohlstand seines Besitzers.
"Schlecht scheints ihm nicht zu gehen." stellte Johann fest, als er das Haus näher betrachtete.
"Sieht nicht danach aus!" stimmte Argus zu und nickte.
Johann ergriff den Türklopfer und ließ ihn ein paar mal gegen das Holz der schweren Tür sausen.
Nach einigen Augenblicken wurde die Tür einen spaltbreit geöffnet und ein altes Weib in mehliger Schürze betrachtete misstrauisch die ungebetenen Gäste.
"Was?" krächzte sie und kniff die Augen zusammen.
"Wir möchten zum Herrn Huth." sagte Johann. "Er soll mit Holz einen Handel betreiben, haben wir gehört. Vielleicht kann er uns helfen, denn wir sind extra von Erfurt herunter geritten ..."
"Ja, ja, kommt nur rein!" unterbrach ihn die Alte, trat beiseite und zog dabei die Tür gänzlich auf, um die beiden Männer ins Haus zu lassen. " Der Herr ist oben in seinem Arbeitszimmer, ich geh ihn gleich holen.
"Johann und Argus mussten nicht lange warten bis der wohlbeleibte Huth die Treppe hinunter gewankt kam. Jede Stufe ächzte und knarrte unter dem mächtigen Tritt des Holzhändlers.
"Was kann ich für Euch tun?" fragte er "Ich habe gehört, Ihr kommt aus Erfurt?"
"Ja, das ist wahr!" meinte Johann und nannte dem Dicken dann seinen und Argus' Namen.
"Nun, wie viel Holz und welcher Art braucht Ihr denn?"
"Tja," sagte Johann, "wir sind eigentlich nicht an Holz interessiert..."
"Nicht!" rief Huth entsetzt dazwischen und hob erstaunt seine Brauen. "Was wollt Ihr dann? Ich handle nur mit Holz!"
"Wir suchen einen Mann, der seit Tagen in Erfurt vermisst wird." klärte ihn Johann auf.
"Und, was soll ich damit zu tun haben? Geht hin zum Amtmann, der nimmt sich Euerer Probleme an!" Huth war dabei sich abzuwenden, um sich die Treppe hinauf zu wuchten, als Johann ihn am Ärmel zurück hielt.
"Was denn noch?" blaffte er.
"Der Mann, den wir suchen ist Tischler. Vielleicht kennt Ihr ihn doch? Sein Name ist Meisel, Martin Meisel. Er war hier in Saalfeld um Holz zu kaufen."
"Als ob ich hier der einzige Holzhändler wär." meinte Huth grimmig.
"Nun, der einzige vielleicht nicht, aber der, bei dem es die besten Hölzer gibt!" schmeichelte Johann.
Das Lob verfehlte seine Wirkung nicht und die Mine des Dicken entkrampfte sich. Huth brachte sogar ein kleines Lächeln zustande.
"Wie war der Name des Mannes?" fragte er.{mospagebreak} "Martin Meisel!"
Gespannt warteten Johann und Argus auf eine Antwort.
"Ja, ich kenne einen Tischler mit diesem Namen." meinte Huth. "Allerdings kommt der den ich kenne nicht aus Erfurt sondern von drüben," dabei machte er eine Kopfbewegung in eine bestimmte Richtung, "aus Stadtilm. Ist ein ziemlich hagerer Mensch mit rotem Schopf," fügte er hinzu.
"Das muss er sein!" rief Johann erfreut.
"Aber sagtet Ihr nicht, dass der Meisel, den Ihr sucht aus Erfurt kommt?"
"Ja, aber Eure Beschreibung passt vortrefflich! Dass es zwei Tischler mit gleichem Namen geben soll wäre schon recht ungewöhnlich, zumindest bei diesem Namen. Aber dass beide einen Rotschopf hätten, wäre dann doch schier unmöglich." meinte Johann.
Sie dankten Huth und machten sich auf nach Stadtilm, der kleinen Stadt an der Ilm, die etwa auf halbem Weg zwischen Saalfeld und Arnstadt lag.
Zur Mittagsstunde gelangten sie nach Paulinzella, dessen großer Klosterbau die beiden Reiter beeindruckte. Dort legten sie eine kurze Rast ein und gönnten sich in einer kleinen Schankwirtschaft einen Krug Bier.
Nach weiteren Stunden hatten sie den Ritt hinter sich gebracht und trafen in Stadtilm ein. Sie waren froh, dass sie die Strecke so schnell hinter sich gebracht hatten, denn auch den Pferden würde eine Pause gut tun. Sie stellten sie in den Stall der zur Gastwirtschaft >Zum Roten Reiter< gehörte und ließen sie vom Stallburschen trocken reiben und füttern.
Johann machte sich indessen mit Argus zu Fuß auf die Suche nach dem Tischler Meisel. Dabei mussten sie sich sputen, denn noch heute wollte Johann wieder nach Erfurt aufbrechen. Er hatte vor, morgen, am 24. Dezember die Vorwürfe gegen Marianne, mit Hilfe des Tischlers endgültig aus dem Weg zu räumen.

 

Mittwoch, 19. Dezember 2018

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