Start ... Ich ... und meine Weihnachts- Geschichte 22. Dezember
22. Dezember

22. Tag im Dezember 1606 - Freitag

Johann konnte es kaum glauben. Der Amtmann hatte tatsächlich Edwina freigelassen! Bereits gestern, am Abend, hatte Wolrabe die Aushilfsmagd, wie sie der Kutscher heimlich genannt hatte, wieder vor die Tür gesetzt und Johann gebeten zum Rathaus zu gehen. Von dort sollte er Edwina hierher zurück begleiten.
Am Fischmarkt angekommen, musste er dann auch keine fünf Minuten warten, als Edwina schließlich nach draußen geführt wurde. Dies geschah nicht etwa durch Jakob oder Berthold, den beiden Gehilfen. Nein, Amtmann Braun selbst übergab die sichtlich fassungslose Magd dem Kutscher Wolrabes.
Aus Edwina war gestern nicht viel heraus zu bekommen, da sie wie unter Schock stand, in regelmäßigen Abständen schniefte, um dann ausgiebig ihren Tränen freien Lauf zu lassen.
Johann begleitete sie bis hinauf, vor die Tür des Rats und klopfte an. Nachdem der geantwortet und zum Hereinkommen eingeladen hatte, schob der Kutscher Edwina durch die Tür in das Zimmer hinein und verschwand freudestrahlend im Keller. Edwina war frei! Eines seiner Probleme war sich scheinbar gelöst. Dort, im Keller, füllte er schnell ein kleines Tuch mit Puffbohnen, um kurz darauf wieder zum Rathaus zurückzukehren und Marianne aufzusuchen.

Die Magd stand mit gesenktem Kopf im Zimmer nd wartete auf das, was nun auf sie zukommen würde. Wolrabe, der mit dem Rücken zu ihr stand, beobachtete durch das Fenster das Treiben auf der Straße unter ihm. Er erkannte eben noch, wie sein Kutscher mit schnellen Schritten das Haus verließ, als er sich zu Edwina umdrehte.
"Du bist unschuldig, Edwina, nicht?"
"Ja Herr Rat, so unschuldig wie man nur sein kann!" brachte sie leise hervor.
"Ja, das weiß ich jetzt auch. Im Grunde, konnte ich es nie glauben." meinte er. "Ich hoffe, du kannst mir verzeihen, dass ich den Amtmann je wegen dir bemüht habe?"
Edwina schniefte und fing lautlos an zu weinen, als sie den Rat von Braun reden hörte. Nur an den bebenden Schultern konnte man erkennen, dass die Magd an sich halten musste, um nicht lauthals loszuschreien.
"War es denn so schlimm?" fragte Wolrabe, obwohl er wusste, dass Gefangene nicht gerade zimperlich angefasst wurden.
Edwina nickte, schluchzte und verlor weitere Tränen.
"Was, das Gefängnis oder Braun? Ich hoffe, er ist nicht grob zu dir gewesen?
"Nein, das nicht, nur der Keller und das Verhör ..." wieder ertönte ein Schniefen und weitere Tropfen rannen ihr über die Wange.
"Nun, das gehört zu den Aufgaben des Amtmanns." sagte er und zuckte mit den Schultern. "Ich wäre ernsthaft erbost, wenn ich wüsste dass Braun sie nicht ordentlich erfüllen würde. Braun tut nur, was er tun muss!" Wolrabe seufzte. "Da trifft mich am Ende doch die größere Schuld, weil ich dich verdächtigt und ihm ausgeliefert habe!"
"Was solltet Ihr auch sonst denken? Wer hätte Euch denn am leichtesten das Gift unterschieben können? Außer Euch, leben doch nur wir, der Johann und ich unter diesem Dach!" Edwina sah ihm direkt in die Augen. "Ich glaube, ich hätte an Eurer Stelle auch geglaubt, dass ichs gewesen bin." Das Schniefen fiel nun weniger heftig aus und der Tränenstrom war mit dem Handrücken weggewischt worden.
"Schön, dass du das sagst Edwina!“ Meinte der Rat und lächelte sie an. "Wie ist es nun, verzeihst du mir?"
Edwina erkannte, dass es ihm wirklich wichtig war, irgendein Zeichen von ihr zu erhalten und nickte fast unmerklich und schniefte ganz leise.
"Ja, worauf wartest du dann noch? Lauf in die Küche. Dort liegt ein prächtiger, abgehangener Fasan aus der Fasanerie in Vieselbach, der zubereitet werden will. Fehlt mir schon richtig, ein Braten, den du zubereitet hast."
Edwina fühlte sich geschmeichelt und zeigte jetzt endlich, nach dem Lob über ihre Kochkünste, ein erstes Lächeln. "Gern Herr Rat!" sagte sie sichtlich erfreut und erleichtert, zurück in ihr Reich, in die Küche zu dürfen. Grade, als sie zur Tür hinaus wollte, hielt Wolrabe sie zurück.
"Edwina," meinte er, "solltest du einen Wunsch haben, würde ich mich freuen, wenn ich ihn dir erfüllen könnte. Ich stehe immerhin in deiner Schuld!"

Heute, am Freitag war Johann recht früh auf den Beinen, um den Plan den er gestern geschmiedet hatte, möglichst schnell in die Tat umsetzen zu können. Mit Freude vernahm er Geräusche, die aus der Küche zu ihm heraus drangen, wie etwa das Klappern von Deckeln und Tischgeschirr. Es zeigte ihm an, dass Edwina, wie eh und je, schon bei der Arbeit war. Sicher würde sie dem Rat heute wieder einen Festbraten auf den Tisch zaubern, bei dem sich auf Johanns Zunge, sobald er daran dachte, schon die Spucke sammelte. Sicher wären für ihn wieder einige Reste übrig geblieben, die er gemeinsam mit Edwina in der Küche verspeist hätte. Doch heute würde die Magd alleine essen müssen, denn Johann wollte zur Mittagszeit schon längst unterwegs sein.
Zunächst wollte er jedoch zu Marianne, um ihr, bevor man sie zum nächsten Verhör führen würde, weitere Puffbohnen zu bringen. Da sie nicht einmal mehr Brot bekam und mit Wasser kein Magen satt wurde, musste er ihr unbedingt die einzige Verpflegung, die ihr geblieben war bringen, bevor er dann aufbrechen würde.
Da er nicht einschätzen konnte, wie lange er unterwegs sein würde, wusste er auch nicht, ob das Gemüse, dass er ihr gestern Abend gebracht hatte, für die Dauer seiner Abwesenheit reichen würde. Besser viel, als zu wenig, sagte er sich und verknotete die gleiche Menge, wie am Vortag in seinem Tuch.

Marianne freute sich wirklich über die Freilassung der Magd. Sie konnte sich allerdings nicht erklären, warum es in Edwinas Fall so schnell gegangen war und es bei ihr endlos zu dauern schien, bis sich etwas bewegte. Genau genommen, hatte sich überhaupt noch nichts in ihrer Sache bewegt. Statt dessen waren immer mehr Vorwürfe und Anschuldigungen dazu gekommen.
Sicher wäre sie schon längst verzweifelt und auch verhungert, wenn Johann nicht da wäre, der ihr Mut zusprach und sie mit Bohnen versorgte. Gestern hatte er ihr versprochen, dass sie nicht mehr lange hier im Keller sitzen würde. Marianne konnte allerdings fragen und bohren, solange sie wollte. Johann verriet weder was er herausgefunden hatte, noch seine weiteren Pläne. Er sagte nur, dass es besser sei, wenn sie von all dem nichts wüsste, denn dann könne sie sich beim nächsten Verhör auch nicht verquasseln.
Johann hatte versprochen heute zeitig zu erscheinen, um ihr weitere Bohnen zu bringen. Als ihn Marianne daraufhin fragte, warum er ihr denn so viele bringen wolle und er ja grade erst welche zu ihr in den Keller hinabrollen lassen hatte, sagte er ohne weitere Erklärung, dass er verreisen müsse. Er wüsste nicht, wie lange er von Erfurt fort sein würde und es wäre ihm deshalb lieber, wenn er Marianne mit genug Verpflegung zurück ließe.
"Pssst!"
Grade hatte sich Marianne eine Puffbohne in den Mund geschoben, als sie aus ihren Gedanken gerissen wurde und aufsprang. "Johann?"
"Ja, wer denn sonst?"
"Hab dich schon erwartet. Hast ja gesagt, dass du früh kommst." flüsterte sie, während die ersten Bohnen in ihrem Rock landeten, den sie zum Auffangen am Saum nach oben gerafft hatte.
"Hat sich denn die Edwina etwas erholt?"
"Ja, ja, heute gehts schon mit ihr. Die ist schon wieder in ihrem Element und bekocht den Rat." erklärte er.
"Was hat sie denn gesagt? Warum hat man sie so schnell hier heraus gelassen? Ich kann mir nich vorstellen, dass Braun einfach eine Giftmischerin auf freien Fuß setzt, ohne einen Beweiß für ihre Unschuld zu haben."
"Tja," flüsterte Johann und schob eine weitere Bohne durch die Gitterstäbe, "aus Edwina war gestern nichts heraus zu bekommen, war einfach nich in der Lage, was zu sagen. Sie meinte nur, dass der Rat davon überzeugt war, dass sie nichts mit dem Gift zu tun hatte."
"Hab ich mir auch nicht vorstellen können, dass sie so ein falsches Spiel gespielt hat. Schließlich kann sie doch froh sein, bei euch im Haus zu sein." meinte Marianne.
"Pass auf, jetzt kommt die Letzte!" sagte Johann.
Geschickt fing Marianne die Bohne auf und verstaute ihren ganzen >Fang< unter dem Stroh ihres Lagers, dort wo sich schon die Lieferung vom Vortag befand. Inzwischen war sie dazu über gegangen, etliche Bohnen in den Ecken der Zelle zu verteilen, damit die Mäuse sich nicht über ihr Lager hermachten, sich also dort bedienen konnten.
Marianne hatte kaum das Stroh über die Bohnen gedeckt, als die Tür aufgerissen wurde und Jakob brüllte, dass sie sofort herauskommen solle.
Sie bedauerte, dass sie sich nicht von Johann verabschieden konnte und folgte dem Gehilfen Brauns nach oben ins Verhörzimmer.
Das alte Bild präsentierte sich der Beschuldigten: Alle waren bereit für die nächste Befragung und hatten auf den Stühlen platz genommen, nur Braun stand hinter dem Tisch und musterte sie beim Eintreten von oben bis unten.
Nachdem er sich nieder gelassen hatte, begann er auch sofort und ohne Vorrede mit seiner Arbeit.
"Nun, Marianne, du hattest gestern genug Zeit zum Nachdenken! Kannst du dich jetzt erinnern, ob du etwas mit dem Verschwinden des Geldes der Meisel zu tun hast?"
"Nein!"
"Was? Kannst du dich nicht erinnern oder willst du uns sagen, dass du mit dem Verschwinden nichts zu tun hast?"
"Beides! Wie soll ich mich erinnern, wenn ich nichts damit zu tun hatte?"
"Hä?" Braun klappte die Kinnlade herunter bevor er die Faust auf den Tisch donnerte und aufsprang.{mospagebreak}"Wirst jetzt auch noch spitzfindig und frech?" brüllte er und legte sich dabei mit seinem Oberkörper beinahe auf die Tischplatte.
"Nein, ich sage nur wie es ist!"
"Und, was nun?" Braun brüllte weiter und sein Gesicht verfärbte sich dabei dunkelrot.
"Nein, ich wars nich und ich kann mich auch nich erinnern!"
"Was ist mit dem Meisel und seinem Verschwinden?" setzte Braun gleich nach.
"Nein, damit hab ich auch nichts zu tun!"
Braun setzte sich und lehnte sich zurück. Jetzt war es der Pfaffe, der sich an Marianne wandte: "Weib, überleg dir gut was du jetzt zur Antwort gibst!" warnte er. "Bist du der Schwarzen Kunst mächtig?"
"Nein," sie reckte das Kinn nach vorn, "das bin ich nicht!"
"Du hast also keine Verwünschungen oder sonstige Sprüche ausgerufen, die dazu dienten, den Tischler von Erfurt fern zu halten?"
"Nein!"
"Kannst du Menschen heilen, indem du ihnen die Hand auflegst?"
"Nein, das hab ich doch schon gesagt. Sollte ein Furz..."
"Schluss" rief Braun dazwischen, "das interessiert jetzt nicht!"
"Du handelst mit Puffbohnen?" fragte nun der Amtmann weiter.
Marianne war erstaunt, dass Braun nun ausgerechnet danach fragte, wollte er doch bisher nichts davon wissen.
"Ja! Auch das habe ich schon mehrfach..."
Rumms, die Faust landete erneut auf dem Tisch.
"Ich kann mich gut an das erinnern, was du ausgesagt hast." sagte er und tippte dabei auf den Stapel Papier, der vor ihm lag.
"Du hast dem Rat Wolrabe Bohnen verkauft?" fragte er dann so beiläufig wie möglich.
"Ja, aber nich ihm direkt. Sein Kutscher, der Johann hat sie geholt."
"Waren das die ersten Bohnen, die der Rat von dir gekauft hat?"
"Nein, er hat schon mal einen kleinen Topf voll gekauft. Der Kutscher hat ihn abgeholt, einen Tag nachdem ich dem Rat mal eine Bohne zum probieren gegeben hatte. Ich weiß noch, hab sie ihm in seine Kutsche hinein gereicht. Anscheinend hat ihm die Bohne so gut geschmeckt, dass er gleich mehr wollte.!"
"Kann ich mir nicht vorstellen!" murmelte Braun und verzog das Gesicht, als er sich an den Geruch der Kräuterbrühe erinnerte.
"Wann hat er denn die nächsten Bohnen gekauft?"
Marianne überlegte eine Weile. "Das muss einen Tag bevor Ihr mich verhaftet habt gewesen sein! Da warens zwei große Töpfe"
Der Amtmann beugte sich hinunter und zog etwas unter dem Tisch hervor. Marianne staunte nicht schlecht, als sie einen ihrer Bohnentöpfe erkannte.
Braun stellte ihn vor sich auf den Tisch und verzog ein weiteres Mal sein Gesicht, wobei seine Nase auf ihre doppelte Länge anzuwachsen schien.
Er winkte Marianne zu sich heran. Dann, als sie vor ihm stand öffnete er den Deckel, wobei seine Nase noch einmal länger wurde.
"Erkennst du das?" presste er hervor.
"Natürlich! Das sind Bohnen von mir!" Sogleich verspürte Marianne ein Hungergefühl in sich aufsteigen.
"Marianne Becke!" donnerte Braun. "Warum wolltest du den Rat Wolrabe vergiften?"
Jetzt war es an Marianne, ihre Kinnlade nach unten klappen zu lassen.

Johann befand sich unterdessen mit seinem Begleiter auf dem Weg zu seinem
Ziel, welches sie am nächsten Morgen, nach einem weiteren Ritt von etwa einer Stunde, erreichen würden.
Sie waren in einem Gasthof eingekehrt, der mit einer Spezialität warb, einem erhitzten und mit verschiedenen Kräutern vermischten roten Wein. Diesem sprachen beide Männer kräftig zu, um ihre Reise am nächsten Tag, am Sonnabend, dem 23. Dezember, gestärkt fortsetzen zu können.

 

Mittwoch, 19. Dezember 2018

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