Start ... Ich ... und meine Weihnachts- Geschichte 21. Dezember
21. Dezember

21. Tag im Dezember 1606 - Donnerstag

Edwina saß auf dem Suhl, den sonst Marianne einnahm und heulte sich fast die Augen aus dem Kopf. Sie hasste es hier zu sein, sie hasste es im Keller zu sein, sie hasste es sogar mit Marianne dort zu sein. Die einzige Hoffnung ruhte auf Johann, der versprochen hatte ihr zu helfen. Marianne, die Bohnenhändlerin, versuchte so gut es ging zu beruhigen und gut zuzureden, doch für die Magd selbst gab es keinen Trost. Nichts konnte sie von dem ihr wahrscheinlich drohenden Unheil ablenken.
"Weib sei still!" befahl Braun in barschem Ton.
"Damit du es weißt: Dies hier stellt eine Befragung dar, die Teil der Voruntersuchung ist, und Klärung schaffen soll zum Vorwurf der Beibringung gewisser Mengen Gifts, welche die Tötung des ehrwürdigen Rats, Hans Wolrabe, Brückenmeister in Erfurt, zum Ergebnis haben sollte!"
Edwina fingen sofort an die Tränen zu laufen nach der Nennung des Namens. Sie hatte sich aber soweit unter Kontrolle, dass sie stumm weinte. Sie wusste, wie laut Braun sie anfahren konnte, um sie zur Ordnung zu rufen. Eine Demonstration seiner Stimmgewalt war vorhin erst über sie hinweg geweht, als sie sich geweigert hatte, die Zelle zu verlassen. Marianne war es schließlich gewesen, die sie hinaus in den Flur geschoben hatte.
"Um es kurz zu machen, Edwina." fuhr der Amtmann fort. "Gestehst du, was man dir vorwirft?"
"Oh Gott, oh Gott! Glaubt der Rat wirklich ich könnte ihm etwas antun, ihn gar umbringen?" rief sie.
"Was ist nur mit euch Weibern los? Antworten sollt ihr und nicht fragen! Die stelle ich nämlich hier! Halte du dich also damit zurück!"
"Was ist nun, gestehst du die Tat?"
"Nein!" brachte Edwina heraus und begann erneut zu schluchzen. "Hab gar keine Ahnung, wie ich das hätte bewerkstelligen sollen. Ich kenne mich doch nich mit sowas aus!"
"Nun, dann müssen wir eben auf anderem Weg zum Ziel kommen!" sagte Braun.
Edwina horchte auf, dachte sie doch gleich an Folterwerkzeuge, von denen der Rat irgendwann vor längerer Zeit geredet hatte.
Edwina sah hin zum Schreiber, dessen Federkiel über eine neue Seite flog. Sie fragte sich grade, was der wohl zu schreiben hätte, als der Amtmann weiter sprach:
"Kannst du dich an den Dienstag und Mittwoch in der letzten Woche erinnern?" fragte er wie nebenbei.
"Ja, sehr gut sogar Herr Amtmann!"
"So?"
"Der Dienstag, war der Tag nach der Kur. Da begann es dem Herrn Rat bereits besser zu gehen. Am Tag darauf, also am Mittwoch, ging es dem Rat sogar so gut, dass er fast vom Bett aufgestanden wäre. Ich kann mich so gut an den Tag erinnern, weil ich an diesem Tag keine Schneewickel mehr machen musste und es außerdem der Tag war, an dem ich nich müde war, weil ich das erste Mal seit Tagen in der Nacht einigermaßen ruhig geschlafen hatte."
"Aha! Schon gut! Ich glaube dir, dass du dich erinnern kannst." Braun winkte ab und wirkte erfreut. "Wenn das so ist, kannst du mir sicher sagen, was du an den Tagen nach der Kur, das sind die beiden Tage an die du dich so gut erinnern kannst, für den Rat gekocht hast?"
"Was?"
"Ich will von dir wissen was er gegessen hat, an beiden Tagen!" wiederholte Braun.
"Da muss ich überlegen, Herr Amtmann."
"Ja, ja, lass dir ruhig Zeit damit."
"Am Dienstag hat er nur Brühe gegessen,“ fing Edwina an, mehr konnte er einfach nicht bei sich behalten. Jede Art von festem Essen brachte er wieder heraus."
"Ach! Auch nach Brassels Kur?"
"Ja, auch danach!" sagte Edwina.
"Also muss er doch auch noch etwas anderes, als nur Brühe gegessen haben.“ schlussfolgerte Braun. Sonst hätte es Brassel ja nicht auffallen können, dass er nichts anderes als Brühe verträgt?"
"Ja, wenn ich mirs recht überlege, hat ihm Brassel wohl etwas eingeweichtes Brot gegeben."
"So, so, der Brassel! Ich werd ihn fragen." Braun tippte den Schreiber an und dieser machte sofort eine entsprechende Notiz.
"Von was hast du denn die Brühe gekocht?"
"Johann hatte gleich am Morgen auf dem Markt eine schöne fette Henne gekauft. Die habe ich gerupft, ausgenommen und dann zusammen mit einigen Kräutern und Gewürzen gekocht."
"Welche Kräuter und Gewürze?" bohrte der Amtmann weiter.
"So, wie ichs immer mache! Ich nehm Petersilie, etwas Minze und Salbei, wenig Kümmel und Salz, mehr nich!“
„Hat sie denn geschmeckt, die Brühe?“
„Fragt doch den Brassel oder auch Johann, die haben selbst beide davon gegessen. Waren ganz versessen drauf."
"Hm!“ Braun ließ einige Zeit verstreichen bevor er wieder zu Edwina auf sah. „Was hat der Rat sonst noch zu sich genommen?"
"Wasser hat ihm der Brassel zu trinken gegeben." sagte sie schließlich.
"Mehr nicht?"
"Nein, ich hab ihm dann gegen Abend, als es ihm schon viel besser ging nochmal einen Brühe hoch gebracht, die er dann geschlürft hat. Sonst hat er nichts weiter gegessen an diesem Tag."
"Und am nächsten Tag, was wurde denn da auf dem Tisch gestellt?"
"Ja," meinte Edwina und strahlte, "da ging es ihm doch viel besser, als die ganzen Tage davor und er wollte ein ordentliches zum Frühstück. Ich habe ihm dann, so wie er es gern hat, ein paar Hühnereier und Speck gebraten und ein Stück Brot dazu gelegt."
"Und das hat er gegessen?" fragte Braun.
"Na ja," meinte Edwina, "einen Teil davon schon."
"Was heißt das? Hats ihm nicht geschmeckt und du hast die andere Hälfte weggeworfen?"
"Nein! Als ich mit dem Tablett aus der Küche kam, stieß ich fast mit dem Brassel zusammen." erklärte sie. "Der hat mich gleich angebrüllt und wollte wissen was ich mit dem vielen Essen tun wollte und ob die Eier dem Rat etwa zu den Ohren wieder heraus kommen sollen?"
Edwina machte eine Pause.
"Ich höre weiter." Braun nickte zu ihr hinüber.
"Hab ihn gefragt, was denn gut sei für den Rat. Darauf hat mir der Brassel das Tablett abgenommen und es auf den Tisch in der Küche gestellt. Er nahm einen anderen Teller und legte eines von den gebratenen Eiern und ein kleines Stück Brot drauf. Dann hat er mir den Teller in die Hand gegeben und gesagt, dass das für den Rat vollkommen ausreichend sein würde."
"Was ist denn aus dem übrigen Teil der Morgenspeise geworden?" wollte Braun wissen.
"Na was wohl? Als ich wieder in die Küche kam, hatte sich Brassel drüber her gemacht und schon fast alles aufgegessen."
"Aha! Interessant!" murmelte der Amtmann.
"Weiter!" forderte er Edwina auf. "Was lag denn zur Mittagsstunde auf dem Tisch?"
Da musste Edwina nicht lange überlegen. "Eine fette Gans!" rief sie. "Johann hatte sie frisch vom Markt mitgebracht. Die habe ich gebraten und für den Herrn zurecht gemacht."
"So, so! Ein Gänsebraten, mitten in der Woche!" meinte Braun und sah fragend zur Magd.
"Nun, dem Herrn schmeckts auch in der Woche gut! Und erholen sollte er sich auch. Warum hätte ich sie nicht machen sollen? Gans ist eine seiner Lieblingsspeisen!"
"Er hat also das ganze Tier alleine gegessen?" Braun schaute skeptisch über den Tisch.
"Nein! Gott bewahre! Er hatte Brassel zum Essen eingeladen und die beiden haben oben im Krankenzimmer gegessen. Hab extra den Tisch vors Bett geschoben, dass der Herr sich auf die Kante und der Brassel sich auf den Stuhl setzen konnte. Der Johann und ich haben in der Küche dann noch einige Knöchelchen abgenagt und den Rest in den Abbort geworfen." erklärte Edwina.
"Und dann, was gabs am Abend?"
"Da hab ich ihm einen Kringel Räucherwurst gebracht, die er so gern isst und ein Brot dazu getan. Mehr hat der Rat nich gegessen! Ich schwörs!" Edwina hatte die Hand erhoben.
"Hat der Rat den ganzen Tag Wasser getrunken?" fragte Braun nachdem er eine Weile überlegt hatte.
"Ich glaube ja, obwohl der Rat zum Mittagstisch einen Krug Wein von Johann aus dem Keller holen ließ. Der war aber wohl für den Brassel gedacht.{mospagebreak}Wenig später stürzte der Amtmann mit einer Akte Papier unter dem Arm aus dem Rathaus und lief zum Haus Wolrabes, der sicher schon auf ihn wartete. Der Rat wollte sofort vom Fortgang der Untersuchung sofort unterrichtet werden.
Er überflog das Protokoll, dass der Schreiber angefertigt hatte und nickte dabei ein paar Mal.
"Nun, entspricht das, was Eure Magd ausgesagt hat, den Tatsachen?" fragte Braun.
"Soweit ich das beurteilen kann, sagt sie nicht die Unwahrheit. Man müsste natürlich noch Brassel dazu hören, dem einiges in dem Bericht peinlich sein dürfte." Wolrabe lachte und dachte an die gekürzte Portion Brateier.
"Ich habe, wie es scheint, jede Mahlzeit mit einer weiteren Person zusammen eingenommen. Es kann also nicht sein, dass dort Gift enthalten war, sonst wären auch Brassel, Johann oder Edwina selbst erkrankt."
"Nur das Abendessen, das habt Ihr alleine gegessen!" gab Braun zu bedenken. „Auch in Flüssigkeiten kann Gift enthalten sein! Vielleicht war es aber auch in der Wurst?“
„Nein, ich glaube nicht,“ meinte der Rat in vollster Überzeugung. „In eine Wurst kann man kein Gift einbringen, ohne dass man es schmecken würde. Außerdem war der Wurstkringel nicht angeschnitten und der Darm unverletzt! Wie hätte Edwina das anstellen sollen? Auch Wasser und Wein befanden sich, für jeden zugänglich, in den Krügen auf dem Tisch. Mehrfach haben sowohl Brassel, als auch ich unsere Becher daraus gefüllt.“
„Dann muss es noch eine andere Möglichkeit geben! Denkt nach, habt Ihr außerdem noch etwas zu Euch genommen?“ fragte Braun eindringlich.
Der Rat überlegte eine ganze Weile und schließlich hellte sich seine Mine auf. „Ich glaube, ich habe die Lösung!“ rief er. „Es handelte sich überhaupt nicht um eine Vergiftung, sondern um eine Krankheit!“
„Nein!“ Braun schüttelte den Kopf. „Diese Möglichkeit hat Brassel ausgeschlossen. Es muss eine Vergiftung gewesen sein, sonst hättet die Kur, die er angewendet hat bei Euch nicht angeschlagen und Ihr wärt nicht zu heilen gewesen.“
„Nun, hier müssen wir uns wohl auf das verlassen, was Brassel sagt.“ meinte Wolrabe nachdenklich und massierte dabei sein Kinn.
„Kann es sein, dass ein Anderer Euch das Gift ins Essen gemischt hat?“ fragte der Amtmann.
„Im Haus gibt es nur Edwina, Johann, den Kutscher und mich!“ murmelte der Rat vor sich hin und bearbeitete dabei weiter mit der Hand seine untere Gesichtshälfte.
„Ich glaube, mein lieber Braun, dass Edwina unschuldig ist. Nach allem, was ich hier gelesen habe, kann ich mir nicht vorstellen, wie sie mich vergiftet haben soll. Vor allen Dingen, warum sie das tun sollte!“
„Aber...“
„Genug!“ unterbrach Wolrabe, bevor der Amtmann seine Zweifel in den Raum streuen konnte und hob seine Hand. „Ich verlange, dass Edwina frei gelassen wird! Augenblicklich!“
„Aber sie muss schuldig sein, das glaube ich fest!“ versuchte Braun einzuwenden.
„Was du glaubst, Braun, interessiert mich nicht die Bohne, ich verlange...“ Unvermittelt hatte er mitten im Satz aufgehört.
„Bohnen! sagte er nochmals zu sich selbst. „Eingelegte, wohlschmeckende Puffbohnen!“
„Was?“ fragte Braun verwundert.

Johann war stolz auf das, was er heute herausgefunden hatte. Morgen, am Freitag, dem 22. Dezember musste er unbedingt gleich mit dem Herrn Rat sprechen!

 

Mittwoch, 19. Dezember 2018

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