Start ... Ich ... und meine Weihnachts- Geschichte 20. Dezember
20. Dezember

20. Tag im Dezember 1606 – Mittwoch

Johann hatte es eilig aus dem Haus des Rates zu kommen, denn er hatte heute andere Ziele. Seit Wolrabe die neue Magd, wie er gegenüber Johann behauptete, nur aushilfsweise angestellt hatte, hielt ihn nicht mehr allzu viel bei seinem Herrn. Zumal dieser Edwina offenbar ins Gefängnis gebracht hatte.
Angeblich soll die gute Edwina versucht haben, den Rat zu vergiften. Ein Gedanke den Johann als vollkommen abwegig einstufte. Solange er sich erinnern konnte, war die Magd für ihren Herrn da gewesen, hatte ihm den Haushalt geführt und ihn täglich bekocht. Ihre Ergebenheit ging sogar soweit, dass sich die Gäste, die der Rat ab und an im Haus empfing, neidvoll um die Magd bemüht hatten. Alleine Edwina blieb bei Wolrabe, der sie auch nie ziehen gelassen hätte.
Sie war mit ihrem Leben zufrieden so wie es war, bis der Rat nun von dieser unheimlichen Krankheit gebeutelt worden war. Selbst dann war sie stets an seiner Seite gewesen und hatte sich aufopferungsvoll um ihn gekümmert. Warum sich das Blatt nun so gewendet hatte und das Verhältnis der Rates zu seiner Magd einen so gewaltigen Riss bekommen hatte, war Johann schleierhaft.
Jetzt, ja jetzt, saß Edwina im Gefängnis und würde wohl des versuchten Giftmordes beschuldigt werden, machte sich Johann klar und musste unwillkürlich mit dem Kopf schütteln. Zum Glück hatte man sie zu Marianne in die Zelle gesperrt.
Johann dachte daran, dass sich die Weiber zwar nicht kannten, sich aber durchaus eine Stütze sein konnten, da beide unschuldig eingesperrt worden waren. Daran gab es für Johann überhaupt keinen Zweifel.
Als der Kutscher also das Haus verließ, war er fast mit Braun, dem Amtmann zusammen gestoßen, der über die Straße zum Haus des Rates gerannt kam.
Wolrabe ging es von Tag zu Tag besser und seit der letzten Kur Brassels mit dem Kalbsblut, war er wieder soweit hergestellt, um mit dem Amtmann sprechen zu können. Er hatte ihm durch Johann ausrichten lassen, sich heute Morgen bei ihm einzufinden. Soweit der Kutscher mitbekommen hatte, wollte der Rat Braun von seinem Verdacht in Kenntnis setzten, dass Edwina scheinbar eine Giftmischerin war und ihm weitere Einzelheiten dazu mitteilen.
Zunächst hatte Johann überlegt, sich in der Nebenkammer des Krankenzimmers zu verstecken, um die Anschuldigungen, die der Rat hervor bringen würde, mit eigenen Ohren zu hören. Er entschloss sich allerdings dazu, lieber das zu erledigen, was er seit Tagen vor sich hergeschoben hatte. Schnell war er in den Keller gelaufen und hatte sich etwa die doppelte Menge Bohnen eingesteckt, die nun für zwei hungrige Esser reichen mussten und war durch die Tür verschwunden.
Der Kutscher ergriff die Gelegenheit beim Schopf und nutzte die Tatsache, dass der Rat und auch Braun anscheinend länger beschäftigt waren, um sich auf den Weg zum Haus des Tischlers Meisel zu machen.
Am Krämpfertor angekommen, konnte er nichts ungewöhnliches an der Tischlerei feststellen. Die Läden waren geöffnet, das Tor dafür verschlossen.
Als er das Haus von seinem gewählten Beobachtungspunkt aus betrachtete, welcher sich im Abstand von zwei Gebäuden zu Meisels Haus befand, wurde die Tür aufgerissen, die ihm am nächsten war. Johann fuhr herum und erblickte einen kleinen, alten Mann mit einem gewaltigen Buckel, der am Türrahmen lehnte und ihn anstarrte.
„Was suchste denn hier?“ schnarrte die Stimme des Alten. „Ich brauch nichts, kannst gleich weiter zieh’n, mit deinem Zeug!“ meinte er offenbar in der Annahme, dass Johann ihm an der Haustür irgendwelche Waren zum Verkauf anbieten wollte.
„Nein, nein!“, Johann hob beschwichtigend die Hände. „Ich will nichts von dir und will dir auch nichts verkaufen. Es geht mir um die Bestellung einer neuen Tür für meinen Herrn, dem Rat Wolrabe, die ich beim Tischler Meisel drüben,“ Johann nickte in die Richtung des Hauses, “aufgeben wollte.
Der Meisel, so scheint’s, ist wohl nicht in seiner Werkstatt?“ versuchte er mit dem Alten ins Gespräch zu kommen.
Der winkte Johann zu sich heran. Als er direkt vor ihm stand, zog er den Kutscher am Mantelkragen zu sich hinunter, um ihm ins Ohr zu flüstern.
„Der ist spurlos verschwunden!“ wisperte der Alte so leise, dass Johann es gerade noch verstehen konnte. Anschließend sah er sich in alle Richtungen um, als würde hinter jeder Mauer oder jedem Fenster in der Straße ein ungebetener Zuhörer stehen.
„Nein, wirklich?“ fragte Johann ebenso leise und tat als ob er die Antwort nicht bereits kennen würde.
„Ja, und das bereits schon seit Anfang Dezember! Denk nur, die Gudrun, was seine Frau ist, hat keine Ahnung was mit ihm ist oder wo er sich befindet. Angeblich soll er ja nach Saalfeld runter sein, um Holz zu holen. Wers glaubt?“ meinte der Alte, als wüsste er es besser. „Zurück ist er jedenfalls noch nich!“
„Und, was macht die Gudrun?“ Johann zeigte ungelogenes Interesse und rückte näher zum Buckligen hin.
„Keene Ahnung, nee wirklich nich!“ meinte der Alte. „Hab gehört, sie hatte die Bohnenhändlerin im Haus!“ Dabei zog er seine Brauen in die Höhe, als erwarte er eine Reaktion, die Johanns Überraschtheit zeigte.
„Ja und?“ fragte der aber nur.
„Na, hasts wohl noch nich gehört, dass die jetzt im Rathauskeller bei Wasser und Brot eingesperrt ist?“
„Nee, was soll die denn gemacht haben?“ fragte Johann scheinbar ahnungslos und war gespannt auf die Antwort des Alten.
„Keene Ahnung, nee wirklich nich!“ Der Alte zuckte mit den Schultern. „Aber man erzählt, das es was mit dem Streit der Weiber zu tun haben soll.“ sagte er und zog dabei jedes Wort bedeutungsvoll in die Länge.
Johann horchte nun doch auf. „Es gab Streit?“
„Ja, in der Nacht, als so viel Schnee runter kam. Muss wohl in der Nacht vom 5. auf den 6. Dezember gewesen sein.“ meinte der Alte. „Habs mir nur gemerkt, weil mir mein Buckel so weh getan hat. Das tut er immer, wenn sich das Wetter ändert.“
„Worum ging es denn dabei?“
„Keene Ahnung, nee wirklich nich! Ich hab selbst gehört und wahrscheinlich die halbe Straße auch, als die Gudrun geschrieen hat, sie, also die Marianne Becke, solle stehen bleiben und ihr, also der Tischlerin, das Geld wieder geben, welches sie ihr, also wieder der Tischlerin, gestohlen habe. Haste mich jetzt verstanden?“
„Ja! Was es nich alles gibt!“ Johann schüttelte mit dem Kopf, sagte aber weiter nichts, denn er wartete auf weitere Informationen, die der Alte auch bereitwillig liefern wollte, denn er rückte noch näher an Johann heran.
„Sie hat sie aber nich beim Namen gerufen!“ wisperte er.
„Wer?“
„Die Gudrun mein ich! Sie hat der Becke hinterher gerufen, sie wär ‚ne Hexe!“
„Nein!“ Johann war in gespieltem Erstaunen einen Schritt zurück getreten.
„Doch! Und einen, höchstens zwei Tage später, hat Braun höchstpersönlich die Bohnenhändlerin abgeführt!“
„Und?“
„Keene Ahnung, nee wirklich nich!“ Der Alte zuckte wieder mit den Schultern. „Sie sitzt wohl noch und wird verhört.“
„Und was ist mit der Tischlerin?“ fragte Johann so beiläufig wie möglich.
„Keene Ahnung, nee wirklich nich! Die wartet halt auf den Meisel, ihren Mann.“ meinte er.
„Hm,“ überlegte der Kutscher laut, „dann hats wohl keinen Zweck, beim Tischler zu klopfen?“
„Das ist vollkommen sinnlos, denn die Tischlerin ist vorhin, wie jeden Tag aus dem Haus gegangen.“
„Ach so! Wo geht sie denn da hin?“
„Keene Ahnung, nee wirklich nich!“ Diesmal schien der Alte wirklich nichts zu wissen und Johann musste sich mit dem bisher Gehörten zufrieden geben.

Marianne hatte die ganze Nacht kein Auge zugemacht. Sie hatte den Arm um Edwina gelegt und tröstete das verheulte und noch immer schluchzende Weib, so gut ihr es möglich war. Johann hatte ihr gestern kurz berichtet, was im Haus Wolrabes vorgefallen war und wer das Weib in ihrem Arm überhaupt war. Marianne wusste wie es ist, unschuldig in dieses Loch zu kommen und konnte sich gut in die Magd hinein versetzen.
Sie ahnte, dass Edwina als Giftmischerin, mit dem Todesurteil zu rechnen hatte, zumal es hier um ein Ratsmitglied als Opfer ging. Der Amtmann würde nicht locker lassen, bis die Magd am Galgen baumeln würde. Bei diesem Gedanken schüttelte sich Marianne und strich sachte über Edwinas Haar.
Ihre Gedanken schweiften zurück zum gestrigen Abend, als Johanns Stimme durch das Fenster zu hören war. Kaum hatte die Magd, die ihr bekannte Stimme erkannt, war sie aufgesprungen und hatte seinen Namen heraus geschrieen. Sie rief so schrill, dass Marianne sich die Ohren zuhalten musste.
„Sei doch um Himmels Willen still!“ flehte Marianne sie an und versuchte sie zu umarmen, um sie zu beruhigen. Marianne war klar, dass, sollte die Magd weiter so schreien, vermutlich Jakob oder Berthold bald hier aufkreuzen würden, um zu sehen, was los sei.{mospagebreak}Edwina schrie unvermittelt weiter den Namen des Kutschers und war dabei an das Fenster getreten. Marianne blieb keine andere Wahl, als Edwina eine kräftig schallende Ohrfeige zu geben. So, als hätte sie mit dem Hieb einen Hebel umgelegt, war es plötzlich still in der Zelle. Marianne befürchtete schon, dass sie Edwina ernsthaft verletzt hatte, als sie hörte, wie die Magd sich scheinbar auf das Stroh nieder ließ und dann leise vor sich hin wimmerte.
So sehr Marianne auch lauschte, war von Johann bestimmt während einer ganzen Stunde nach dem Geschrei nichts zu hören. Sie zählte, wie immer, die Schläge der Glocke des nahe beim Rathaus aufragenden Turms der Benediktikirche, die den diesseitigen Zugang zur Krämerbrücke markierte. Der Hunger wütete furchtbar in ihr, als sie schließlich doch die Stimme des Kutschers vernahm.
Johann hatte sicherheitshalber eine längere Zeit verstreichen lassen bis er sich wieder am Fenster zeigte. Das Geschrei von Edwina war bis auf die Straße zu hören gewesen und wer konnte schon sagen, wem es außer ihm noch ins Ohr gedrungen war?

Auch heute, nachdem er am Krämpfertor gewesen war, wollte Johann zum Rathaus gehen, um die Bohnen, die er seit dem Morgen mit sich in der Tasche trug, bei Marianne abzuliefern. Er beschloss aber vorher nochmals Mariannes Haus in Augenschein zu nehmen. Vielleicht hatte er etwas übersehen, was ihn der Lösung des Rätsels etwas näher bringen konnte. Er wollte gerade in die Straße einbiegen, in deren Mitte Mariannes Haus stand, als plötzlich die Tischlerin auf ihn zugelaufen kam. Johann fragte sich, was Gudrun hier wohl gemacht haben könnte? Er versteckte sich hinter einem Mauervorsprung, bis sie an ihm vorüber gegangen war.
Im Haus Mariannes sah alles noch genauso aus, wie er es zuletzt gesehen hatte. Nichts schien verändert. Die gleiche Unordnung wie vor Tagen beherrschte alle Räume.
Nein, hier konnte Gudrun nicht gewesen sein! Überall war eine feine Staubschicht zu erkennen, die nicht vorhanden wäre, wenn sich jemand hier zu schaffen gemacht hätte.
Johann verließ das Haus und beschloss sich morgen, am Donnerstag, dem 21. Dezember hier auf die Lauer zu legen.

 

Montag, 17. Dezember 2018

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