Start ... Ich ... und meine Weihnachts- Geschichte 19. Dezember
19. Dezember

19. Tag im Dezember 1606 – Dienstag

„Ich bring dir schon bei, was einer wie dir blüht, wenn sie uns nicht die Wahrheit sagt.“ Der Paffe stellte eine drohende Mine zur Schau, während der Amtmann neben ihm grinste. „Damit du weißt, was auf solche Weiber zukommt, werd ich dir den Ablauf sagen. Vielleicht kommst du dann zur Vernunft und gibst das Lügen auf!“
„Wir beginnen mit der Inquisitio Generalis, denn geht’s um die Schwarze Kunst, werden zuerst die Nachbarn der Verdächtigen Person befragt und vernommen. Öffentlich wird gefragt, wer sonst Angaben zu verräterischen Machenschaften vorbringen kann.“, begann der Geistliche. „Sollte auch nur einer darunter sein, der etwas zu berichten hat, dass uns verdächtig erscheint und die Person belastet, ist es um sie geschehen. Es sei denn, sie hat vorher gestanden und bereut!“
Marianne wurde es abwechselnd heiß und kalt. Nicht zuletzt, weil sie heute wieder ohne, dass sie etwas gegessen und getrunken hatte hierher gebracht worden war. Der Pfaffe schien ein scharfer Hund zu sein und sie wusste nicht, was sie machen sollte. Man kann doch nichts gestehen, was man nicht getan hat? Sollte sie etwa zugeben, dass sie Münzen oder sogar den Tischler verschwinden lassen hat? Nein, an diesem Punkt war sie noch nicht und Marianne reckte ihr Kinn.
„Sollte die Person hingegen nicht gestanden haben und es besteht trotzdem ein Verdacht, wofür es sogar vielleicht Zeugen gibt, beginnt die Inquisitio Specialis!“ fuhr der Geistliche fort. “Es wird Anklage erhoben und der Richter versucht mit allen, ihm zu Verfügung stehenden Mitteln die Wahrheit aus der Person heraus zu bringen.“ Bei seinen letzten Worten war der Paffe aufgesprungen und hatte sich über den Tisch, nach vorn gebeugt und mit seinem Finger auf Marianne gezeigt.
Er brauchte einige Zeit, um sich zu beruhigen, nahm danach wieder auf seinem Stuhl platz und lächelte sogar sein falsches Lächeln. „Danach fällt der Richter das Urteil,“ meinte er weiter, „welches natürlich entweder so oder so ausgehen kann.“ Er hielt die Handflächen wie zwei Waagschalen vor sich und ließ jeweils abwechselnd die eine sinken, während er die andere anhob. „Günstiger für den Urteilsspruch des Richters ist es in jedem Fall, wenn man gesteht!“
Der Pfaffe stierte zu Marianne herüber und trommelte mit den Fingern auf den Tisch. Alle blickten erwartungsvoll auf sie, sogar der Schreiber und Tetzel hatten die Federkiele sinken lassen. Anscheinend sollte jetzt der Zeitpunkt für ein Geständnis gekommen sein. Marianne sagte jedoch nichts und blickte stattdessen auf die gefalteten Hände in ihrem Schoß.
In diesem Augenblick wurde die Tür aufgerissen und Berthold stürzte auf den Amtmann zu, um ihm etwas zuzuflüstern. Kurz darauf sprang Braun auf und blaffte Marianne an: „Morgen, Weib, sehen wir uns wieder und dann ...“
Mit schnellen Schritten war Braun zur Tür hinaus, ohne denn Satz zu vollenden. Jakob zerrte sogleich Marianne auf die Beine, um sie in ihre Zelle zu bringen. Als sie sich noch einmal umsah, konnte sie das wütende funkeln in den Augen des Pfaffen erkennen, der ihr hinterher starrte.

Edwina stand am Bett ihres Dienstherren und zitterte wie Espenlaub im Wind. Die Beine wollten ihr versagen und Tränen rannen über ihr verzweifeltes Gesicht.
„Nein, dass habe ich doch nicht“, schluchzte sie.
„Wer soll es denn sonst gewesen sein?“ fragte der Rat, der sich, für Brassel vollkommen überraschend, schnell erholt hatte und eine Energie an den Tag legte, wie er sie seit dem Ausbruch der Krankheit nie hatte.
„Du musst zugeben, dass alleine du für die Zubereitung der Speisen zuständig bist.“ sagte er.
Edwina nickte und schniefte. „Ich wars trotzdem nich! Warum soll ich Euch was so böses tun? Was hätte ich denn davon?“ jammerte sie.
„Das muss an anderer Stelle herausgefunden werden!“ meinte Wolrabe und ließ sich ins Kissen zurück sinken. Es war für ihn nach wie vor ein Rätsel, welchen Grund Edwina haben könnte ihn zu vergiften.
„Was soll ich nur machen? Wie kann ich Euch zeigen, was kann ich tun, um Euch zu beweisen, dass ich schuldlos bin?“ Die Magd wand sich wie unter Schmerzen und krümmte sich nach vorn, als hätte sie einen Schlag in die Magengrube erhalten. „Kann es nich jemand gewesen sein, der nachts hier rein geschlüpft ist und Gift ins Essen gemischt hat? Es läuft genug Gesindel und faules Pack hier herum?“ rief sie verzweifelt.
„Das muss ja gerade herausgefunden werden,“ mischte sich Brassel ein. „Hier geht es einzig, um das Wohl des Rates! Soll man dich denn hier im Haus lassen, wo wir nicht mit Sicherheit wissen, ob du das Gift nicht doch ins Essen gemischt hast?“
„Aber ich wars doch nicht!“ beteuerte Edwina bestimmt zum hundertsten Mal.
„Das ist des Amtmanns Sache, dies herauszufinden!“ meinte Brassel nun.
Edwina bekam große Augen und griff sich an ihre Brust. „Ihr holt den Amtmann?“
„Ja was denkst du denn?“ Brassel schnaufte.
Die Magd setzte ihr Geheul mit lauterer Stimme fort. „Unschuldig, unschuldig!“ rief sie immer wieder. „Warum glaubt Ihr mir nur nicht?“
Brassel fuhr herum, als die Tür geöffnet wurde und Johann mit fragender Mine erschien. Verwirrt wanderte sein Blick zwischen Edwina, dem Rat und Brassel hin und her.
„Johann!“ rief Wolrabe und winkte ihn näher ans Bett heran. „Geh zum Amtmann Braun und bitte ihn zu kommen!“ sagte er.“ Er soll möglichst schnell kommen und deshalb alles stehen und liegen lassen. Richte ihm aus, dass ich es so will!“
Johann war verwirrt und nickte. Was sollte das werden? Er ahnte nichts Gutes und hoffte von Edwina irgend ein Zeichen zu erhalten, während er durch das Zimmer zur Tür lief. Die jedoch schniefte und schluchzte, als ginge es ihr an den Kragen.
„Mach schnell!“ rief der Arzt ihm hinterher, bevor Johann die Tür hinter sich ins Schloss zog.
So sehr er auch überlegte, er konnte sich nicht vorstellen, was Braun hier im Haus Wolrabes sollte. Hing es etwa mit der Krankheit des Rates zusammen? Warum stand dann aber die Magd tränenüberströmt an dessen Bett? Sie hatte sich am Morgen noch so gefreut, dass es dem Herrn endlich besser ging und nun kam dieser seltsame Befehl.

Marianne überlegte, ob sie nicht doch den Ratschlag Johanns berücksichtigen sollte? Das nächste Verhör morgen, konnte schon den Ausschlag dafür geben, dass man eine Anklage wegen Hexerei gegen sie anzettelte.
Marianne wusste, dass, wer auch immer ein Interesse an einem solchen Prozess hatte, sich gründlich darauf vorbereitet haben musste, denn die Richter ließen sich hier in Erfurt nicht so leicht, wie etwa in Köln - dort brannten nach wie vor unzählige Scheiterhaufen - vom Hexenwahn und Zauberkult beeindrucken..
Ausschlaggebend dafür war die Reformationslehre, die Luther vor fast einhundert Jahren in Wittenberg angezettelt hatte. Der Erfurter Rat und die überwiegende Mehrheit der Einwohner der Stadt und umliegenden Dörfer hatten sich sehr schnell nach dem Aufkommen der evangelischen Lehre zu ihr bekannt. Nicht zuletzt, da Luther hier studierte und im Erfurter Dom die Priesterweihe entgegen genommen hatte.
Johann Schweikard, der Erzbischof in Mainz hatte dagegen das Ziel, Erfurt wieder zum katholischen Glauben zurückzuführen. Allerdings wollte er dieses Vorhaben mit etwas mehr Fingerspitzengefühl, als es sein Vorgänger im Amt, Adam von Bicken, an den Tag gelegt hatte, fortführen. In diesem Zusammenhang waren Hexenprozesse nicht gerade das, was die Reihen der Katholiken stärken konnten.
Ein Geräusch an der Tür ließ Marianne aufhorchen und ihre Gedanken unterbrechen. Sie vernahm das Rasseln von Schlüsseln und Schritte. Das konnte nur bedeuten, dass das Verhör fortgesetzt würde, was eigentlich ungewöhnlich zu dieser späten Nachmittagsstunde war.
Marianne hatte sich bereits gefreut, als die Dämmerung herein brach, denn dann musste Johann jeden Augenblick vor dem Fenster aufkreuzen. Sie hatte unwahrscheinlichen Hunger, da man heute wieder dazu über gegangen war sie mit Nahrungsentzug zu Geständnissen zu bringen. Wasser hatte man ihr jedoch nach dem Verhör gegeben.
Trotzdem hatte sie nun bereits seit einem Tag weder Brot noch ihre eingelegten Puffbohnen gegessen. Alleine der Gedanke, dass Johann gleich mit Bohnen kommen würde, löste so einen Heißhunger auf das Gemüse bei ihr aus, dass ihr Magen anfing grummelnde Töne von sich zu geben.
Tatsächlich wurde die Tür zu ihrer Zelle geöffnet und Marianne machte sich darauf gefasst, abgeführt zu werden. Stattdessen wurde ein jammerndes Bündel in ihre Zelle geworfen und die Tür wieder zugeknallt.
Schnell war Marianne an der Stelle, wo sie glaubte, dass dort das Bündel lag. Sehen konnte sie es allerdings wegen der Finsternis in der Zelle nicht. Sachte fuhr ihre Hand über den weichen Stoff und fühlte das leichte Zittern. Marianne hörte ein Schniefen und Wimmern, dass ihr plötzlich klar machte, dass vor ihr ein Mensch lag. Wer mochte das sein?
„Psst!“
Marianne fuhr herum. Das Zischen war vom Fenster gekommen. Das konnte nur bedeuten, dass Johann dort stand und sie rief. Sie ließ das Bündel, wo es war und ging mit schnellen Schritten hinüber zur Maueröffnung.
Nein, sie wollte nicht auf morgen, den 20. Dezember warten, um ihre Bohnen zu bekommen. Marianne hatte Hunger!

 

Mittwoch, 19. Dezember 2018

Seiten-Inhalt

Rechtshinweise

Hier unterwegs

Wir haben 95 Gäste online

Besucher

Heute11
Gestern55
Woche136
Monat1239
Alle, seit 14.02.2007314240

Letzte Seitenänderung

Montag 11 April 2016, 07:13