Start ... Ich ... und meine Weihnachts- Geschichte 18. Dezember
18. Dezember

18. Tag im Dezember 1606 – Montag

Der Rat erholte sich trotz des Essens und des Wassers nicht und Brassel entschloss sich zu einer weiteren Blutgabe durch das Kalb. Der Unterschied bestand diesmal allerdings darin, dass Wolrabe bei Bewusstsein sein würde.
Johann hatte das Tier aus dem Stall geholt und, wie schon in der letzten Woche, auf dem Tisch festgebunden, als es vom Arzt betäubt worden war. Bereitwillig hatte der Patient seinen Arm Brassel entgegen gestreckt und nicht mit der Wimper gezuckt, als der den Schnitt setzte und das Glasröhrchen hinein schob. Interessiert beobachtete Wolrabe, wie das Blut des Tieres durch das transparente Glasröhrchen in seinen Arm floss.
Zunächst spürte er außer dem kleinen Schmerz, den der Schnitt verursachte nichts ungewöhnliches und nach einiger Zeit schloss er die Augen und ließ den Kopf nach hinten auf das Kissen sinken.
„Was ist?“ fragte Brassel besorgt. „Spürt Ihr etwas?“
„Es wird warm“, brachte Wolrabe heraus. „So warm, als würde ich meinen Arm in immer wärmeres Wasser sinken lassen. Die Wärme wandert meinem Arm hinauf und breitet sich überall aus.“
„Hm, das ist gut“, meinte Brassel und nickte zur Bestätigung seiner Worte. Insgeheim hoffte er jedoch, dass das wirklich ein gutes Zeichen sein würde. Schließlich war es erst die zweite Kur dieser Art, die er bei einem Patienten anwendete.
Um sicher zu gehen hielt er unablässig Wolrabes Handgelenk und fühlte dessen Puls. Nach einer Weile stellte er Unregelmäßigkeiten fest: erst schien das Herz Wolrabes zu Rasen und dann schlug es wiederum viel zu langsam und nicht im Takt.
Der Rat stöhnte und hatte die Augen geschlossen, als Brassel entschied, dass genug Blut vom Kalb in den Körper des Patienten geflossen sei und unterbrach den Zufluss. Dazu zog er das Röhrchen aus Wolrabes Vene, verschloss es mit einem Pfropfen und vernähte die Wunde.
Anschließend wiederholte er die Prozedur bei dem Kalb und blickte danach zu Johann. „Du kannst es jetzt wegbringen!“
Während der Kutscher das Kalb aus dem Zimmer brachte kam der Rat zu sich, der während des Vernähens des Armes bewusstlos geworden war. Wolrabe sah sich erstaunt um. „Ist es vorbei?“ fragte er matt.
„Ich denke schon“, gab Brassel als Antwort. „Es ist diesmal mehr Blut zum Verdünnen des Giftes geflossen. Eigentlich müsstet Ihr morgen schon wieder halbwegs auf den Beinen sein.“
„So fühle ich mich aber überhaupt nicht.“
„Glaubt mir,“ der Arzt ergriff Wolrabes Hand und drückte sie, „morgen geht’s Euch besser Herr Rat.“
„Wo ist sie?“ fragte Wolrabe plötzlich.
„Ich nehme an, Ihr meint Edwina?“
Der Kranke nickte kurz.
„Die ist unten in der Küche.“
„Ich will nichts essen, was sie gekocht hat!“ brachte der Rat hervor.
„Wenn Ihr mich nur gelassen hättet, wäre sie schon jetzt nicht mehr in diesem Haus.“ merkte Brassel an.
„Ja, ich weiß!“ Wolrabe schüttelte den Kopf. Warten wir damit bis morgen! Ich will sehen, wie sie reagiert, wenn sie die Vorwürfe hört.“ Wolrabes Stimme war beim Reden immer leiser geworden und Brassel fühlte erneut den Puls des Rates.
Marianne wurde heute von Jakob aus ihrer Zelle geführt. Dies geschah wieder, bevor ihre Mahlzeit gebracht worden war. Dass sie nichts Essbares bekam machte ihr weniger zu schaffen. Durst war dagegen schlimm und konnte unerträglich werden.
Im Verhörzimmer waren sie alle wieder versammelt, um irgendwelche Wahrheiten aus ihr heraus zu bekommen. Nur Tetzel, ihr Notarius, sah kurz auf, als sie herein geführt wurde und vertiefte sich sofort wieder in seine Schreibarbeit.
Als Marianne auf dem Schemel platzgenommen hatte, erwartete sie die erste Frage des Amtmanns. Der jedoch wühlte in den Papieren, die sich vor ihm auftürmten, ohne dass er Notiz von der vor ihm sitzenden Gefangenen zu nehmen schien.
„Ist dir zu Ohren gekommen, was die Leute über dich Sagen?“ fragte für Marianne überraschend der Pfaffe, der neben Braun saß.
„Nein! Was sollen die Leute schon sagen?“ Marianne biss sich auf die Lippen, weil sie gleich nachdem sie die Frage gestellt hatte, böse Blicke vom Amtmann erntete.
„Es werden seltsame Geschichten erzählt.“ meinte der Geistliche und Braun nickte bestätigend. „Da gibt es Geschichten, die vom Heilen durch Handauflegen handeln. Dann wieder welche, die von hellseherischen Kräften berichten. Andere drehen sich um das Verschwindenlassen von Gegenständen und dann sogar,“ der Geistliche machte eine Pause, „davon, dass Menschen nicht mehr auftauchen! Ein stechender Blick traf Marianne aus den weit aufgerissenen Augen des Pfaffen.
„Ich kenne keine solchen Geschichten.“ sagte Marianne. „Kann mir auch nich vorstellen, was ich damit zu tun haben soll? Wenn einer mal einen Bauchschmerz hatte, hab ich ihm halt den Leib abgetastet, um die Stelle des Schmerzes zu finden. Manchmal, und dass müsst Ihr doch auch wissen, liegt nur ein Furz quer im Gedärm. Man drückt hier, massiert dort und schwups fährt er aus dem Körper, dass der schmerzliche Druck augenblicklich verschwunden ist. Befindet sich das Leiden weiter oben am Bauch, hilft manch ein Kraut. Mit heißem Wasser überbrüht trinkt man dann den Sud und der Schmerz lässt nach.“
Marianne fragte sich, was man ihr noch alles vorwerfen würde, nur um sie im Gefängnis zu behalten? Es musste einfach einen Grund dafür geben, den sie nur noch nicht zu fassen bekommen hatte.
„Aha! Du kümmerst dich also nur um diesen oder jenen Furz?“
„Wenn Ihr es so nennen wollt, ja.“
„Um es mal so zu formulieren,“ meinte der Pfaffe, „stinkt mir deine Antwort gewaltig.“
Jakob und der Tetzel konnten nicht mehr an sich halten und prusteten. Auch bei Braun zuckten die Mundwinkel.
Diesmal war es der Pfaffe, der mit der flachen Hand auf den Tisch drosch. Mit einem Schlag war Ruhe obwohl Jakobs Bauch noch immer verdächtig zuckte und zitterte.
„Wie sieht es denn nun mit den anderen Geschichten aus?“
Mariannes Rücken straffte sich. „Ich kann dazu überhaupt nichts sagen. Sollte es hier um das Geld Gudruns gehen, weiß ich nicht wo es ist und auch nicht wie es verschwunden ist.“
„Du streitest also immer noch ab, dass du das Geld genommen oder verschwinden lassen hast?“
„Ja, hab nichts damit zu tun!“
„Wie sieht es denn aber mit Martin Meisel aus?“
„Was soll mit ihm sein? Hab dem Amtmann schon gesagt, dass ich nich weiß wo der steckt. Hab ihn auch schon lange nich mehr gesehen.“
„Ist es nicht so, dass du dafür gesorgt hast, dass der Tischler nicht mehr nach Erfurt zurück kommt?“ Der Pfaffe schickte einen weiteren eisigen Blick in Mariannes Richtung.
„Wie sollte ich ...“
„Genug mit deinen Fragen, ich will Antworten!“ unterbrach der Geistliche und donnerte erneut seine Handfläche auf das Holz.
„Ich hab nichts gemacht!“
„Meisel ist seit zehn Tagen überfällig!“ erinnerte der Pfaffe. „Niemand hat ihn seit er Erfurt verlassen hat gesehen, noch hat man etwas von ihm gehört!“
„Ich denk, er ist nach Saalfeld runter?“
„Dann wäre er doch schon längst wieder hier!“ rief der Amtmann dazwischen.
„Was kann ich dafür, dass ...“
Weiter kam Marianne nicht, denn der Amtmann war bereits aufgesprungen. „Fragen, Fragen, nichts als Fragen!“ schrie er „Die werd ich dir austreiben! Wir wollen endlich Antworten von dir!“

Der Rat schlug Stunden nach der Blutübertragung die Augen auf und stöhnte laut. Brassel stürzte auf das Bett zu und auch Johann sprang auf, weil er auf dem Stuhl neben der Tür ebenfalls eingenickt war.
Johann hörte aus dem Gespräch, dass der Arzt mit Wolrabe führte heraus, dass der Rat unter starken Schmerzen in der Nierengegend litt.
„Johann, lass dir von der Magd Schneewickel bringen!“ rief Brassel herüber.
Der Kutscher verließ das Krankenzimmer, um Edwina aufzusuchen.
„Kommt mir bald so vor, als ob ich nich mehr erwünscht bin, da oben.“ sagte sie, als Johann den Wunsch Brassels vorgetragen hatte.
„Weiß auch nicht,“ meinte Johann, „irgend etwas stimmt nich, da hast du recht. Hab allerdings noch nich mitgekriegt was es ist.“
Edwina drückte ihm den Schneewickel in die Hand und versprach weitere Umschläge bis an die Tür des Krankenzimmers zu bringen.
Johann trat an das Krankenbett und erkannte auf Wolrabes Stirn unzählige Schweißtropfen, die ihm am Gesicht hinunter liefen. Brassel nahm den Wickel ab und legte ihn auf Wolrabes obere Gesichtshälfte.
„Brassel, mein Rücken schmerzt so stark! Gibt’s nicht ein Mittel dagegen?“ klagte der Rat erneut.
„Ich bin sicher, dass das gleich vergeht!“ beruhigte ihn der Arzt und fühlte, bestimmt zum zwanzigsten Mal nach der Kur, den Puls Wolrabes. Brassel befand, dass sich der Herzschlag im normalen Bereich befand. „Wie fühlt Ihr Euch sonst?“ fragte er.
„Mir ist nicht gut im Magen.“
Kurze Zeit später hielt ihm der Arzt eine Schüssel hin und Wolrabe würgte das wenige Essen heraus, das er am Vormittag zu sich genommen hatte.
Das Stöhnen des Kranken wurde immer lauter. Johann musste den Rat in seinem Bett aufrichten, um ihn zu halten, während der Arzt das Nachtgeschirr unter ihn schob. Unter großen Schmerzen pinkelte der Rat eine dunkle Flüssigkeit in den Topf, den er zur Hälfte damit füllte.
Johann und Brassel zuckten zusammen, als sie den Inhalt sahen und der Kutscher musste das Geschirr sofort entleeren.
Brassel bangte um das Leben des Rates und machte sich wegen des zweiten Blutaustauschs Vorwürfe. Vielleicht hätte er doch zuerst wieder einen Aderlass versuchen sollen?
Die Schuld lag allerdings, davon war er überzeugt, bei Edwina. Sie würde die Verantwortung übernehmen müssen, wenn der Rat starb.

Als Johann den Nachttopf geleert hatte, verfluchte er den erneuten Ausbruch der Krankheit des Rates. Auch heute kam er dadurch nicht zum Haus Gudruns, geschweige denn zu Marianne, um ihr wenigstens ein paar Bohnen zu bringen. Vielleicht ging es dem Rat ja morgen, am Dienstag, dem 19. Dezember schon besser.

 

Montag, 17. Dezember 2018

Seiten-Inhalt

Rechtshinweise

Hier unterwegs

Wir haben 83 Gäste online

Besucher

Heute44
Gestern58
Woche44
Monat1147
Alle, seit 14.02.2007314148

Letzte Seitenänderung

Montag 11 April 2016, 07:13