Start ... Ich ... und meine Weihnachts- Geschichte 17. Dezember
17. Dezember

17. Tag im Dezember 1606 - Sonntag

Johann war durchgefroren denn er hatte die Nacht im Stall einer Schankwirtschaft verbracht, weil er die Pferde lieber nicht aus den Augen lassen wollte. Schließlich waren es die einzigen Tiere, die dort unter gestellt waren. Nach ein paar Krügen Bier in der Schankstube, hatte er sich ins Stroh des Stalls gelegt und war gleich eingeschlafen.
Brassel erschien vor der Tür, als Johann gerade vorgefahren war und warf seine Tasche hinten auf den Wagen, bevor er dann selbst hinauf kletterte. In der Tür, aus der Brassel gerade gekommen war tauchte ein anderer Mann auf, und reichte dem Arzt eine Decke. Es war unschwer zu erkennen, dass es sich dabei um den Bruder des Arztes handelte. Sie verabschiedeten sich und Johann schnalzte mit der Zunge, damit dich die Pferde in Bewegung setzten.
Am Morgen schon hatte Johann zufrieden festgestellt, dass das Wetter zum Glück besser geworden war und es aufgehört hatte zu schneien. Allerdings waren die Wege vom gestrigen Schnee zugeweht und das Fuhrwerk kam dadurch nur langsam voran. Johann hatte ein schlechtes Gewissen, sobald er an die beiden Frauen in Erfurt dachte, die gestern bestimmt auf ihn gewartet hatten.
Ein Pfiff, den er schon einmal gehört hatte, riss Johann aus seinen Gedanken und das Bellen eines Hundes war zu hören, bevor der Kutscher Argus Mollt zu Gesicht bekam. Langsam stapfte der durch den tiefen Schnee, und lief ein gutes Stück vor dem Wagen her, ohne dass er ihn bemerkte. Erst als das Schnaufen der Pferde zu hören war, drehte er sich um und grinste Johann an.
Der Wagen hielt und Brassel brummte hinten etwas unter seiner Decke, mit der er sich zugedeckt hatte, was Johann nicht verstehen konnte.
Leni sprang vor Freude am Wagen hoch, als sie den Kutscher erkannte.
"Du bist wohl heute erst auf dem Rückweg nach Erfurt?" fragte Argus.
"Wie du siehst! Und wo führt dich dein Weg hin? Ich dachte, du wolltest länger in Arnstadt bleiben?"
"Ja, stimmt schon!" sagte Argus. Ich wollte eigentlich zu meinem Vater, habe ihn aber nicht angetroffen. Er soll inzwischen nach Erfurt gezogen sein."
"Na, dann spring doch rauf!" bot Johann an und klopfte dabei auf den Platz neben sich.
Leni lief während der Wagen in Richtung Erfurt rumpelte nebenher und wedelte aufgeregt mit dem Schwanz, immer wenn ein Hase erschrocken aufsprang oder ein Vogel aufgeregt davon flatterte.
"Dann hättest du dir deinen Weg gestern wohl sparen können?" meinte Johann. "Du bist doch bestimmt aus Erfurt gekommen, als ich mit dem Wagen im Feld gelandet bin.
Argus Mollt zuckte mit den Schultern. "Das macht mir nichts aus. Ich bin schon weit herum gekommen. Da kommt es auf die paar Meilen zusätzlich auch nicht mehr an."
"So, so, du bist also weit herum gekommen? Wo warste denn da überall?" Interessiert blickte Johann auf den Burschen, der kurz überlegte.
"Also jetzt komme ich geradewegs aus Paris," sagte er dann leichthin, als würde er von Weimar oder Sömmerda sprechen. "Davor war ich in Venedig, in Rom, in Wien und davor in Athen."
Johann klappte erst nach einer ganzen Zeit seinen Mund wieder zu. "Was, um Himmels Willen hast du denn da gemacht?"
"Studiert!" sagte er dann. "Habe mir viel angesehen, mit vielen Leuten gesprochen und zugehört, wenn es was zum Zuhören gab."
"Und?" fragte Johann.
"Habe halt gelernt!"
"Na, was hast du denn gelernt?"
"Soviel ich konnte!" meinte Argus Mollt.
"Aha!" Johann konnte sich darauf keinen Reim machen, bohrte aber nicht weiter.
"Und warum warst du in Arnstadt?" fragte der Bursche.
"Ich habe Brassel, den Arzt geholt." Johann zeigte nach hinten, wo der Arzt unter der Decke zu schlafen schien, da man ein gleichmäßiges schnarchendes Geräusch vernehmen konnte. "Ich bringe ihn zum Rat Wolrabe, der krank im Bett liegt. Deshalb wollte ich auch gestern eigentlich wieder zurück sein.
"Gut dass du es nicht geschafft hast!" sagte Argus Mollt.
"Was?"
"Na zurück zu fahren!"
"Warum sollte das gut gewesen sein?" verständnislos sah er den Burschen an.
"Sonst hätte ich laufen müssen!" meinte Argus und lachte.
Johann stimmte mit ein und freute sich über die kurzweilige Fahrt, die ihm Argus Mollt bescherte.
Sie unterhielten sich über dies und das während in Molsdorf die Kirchenglocken zum Gottesdienst läuteten und auch noch als sie schon in der Ferne die Spitzen des Erfurter Domes ausmachen konnten.

Marianne lief in ihrer Zelle auf und ab. Was konnte nur passiert sein? Sie hatte in der letzten Nacht, vor Sorge kaum ein Auge zu gemacht. Wenn Johann ihr nicht mehr helfen konnte, war sie verloren! Marianne hatte sich schon ausgemalt, dass man ihn in irgendeine Nebenzelle gesperrt hatte, dass der Amtmann es geschafft hatte, auch gegen ihn Vorwürfe zu erheben.
Weil sie nicht geschlafen hatte und weil sie so verzweifelt war, hatte sie in der Aufregung ihren Vorrat an Puffbohnen aufgegessen. Jetzt blieb ihr nichts mehr, als auf dem trockenen Brot zu kauen, dass man ihr vorhin in die Zelle geworfen hatte.

Edwina kämpfte unterdessen mit dem Fieber Wolrabes und hatte ihm bereits unzählige Schneewickel auf die Stirn gelegt. Er war noch immer bei Bewusstsein, sprach aber kein Wort zu ihr. Die Magd wusste nicht, ob er nicht reden konnte oder nicht wollte. Lief sie im Krankenzimmer hin und her, verfolgte er sie mit den Augen. Er überwachte jeden Schritt und jeden Handgriff von ihr. Sie fragte sich verzweifelt, was das bedeuten konnte?
Edwina merkte sehr wohl, dass sich im Verhältnis zwischen Wolrabe und ihr, etwas verändert hatte. Allerdings konnte sie diese Veränderung nicht genau benennen. Sie versuchte es sich so zu erklären, dass es vielleicht an der Krankheit des Rates liegen könnte.
Wolrabe hatte seit vorgestern Abend nichts mehr gegessen. Jedes mal wenn Edwina mit einer Schüssel Essen kam, schüttelte er den Kopf oder schob ihre Hand weg, wenn sie ihn füttern wollte. Schlimmer als das war jedoch, dass er auch nichts trinken wollte. Edwina fragte sich, wie lange ein Mensch überleben konnte, ohne Flüssigkeit zu sich zu nehmen?
Johann war gestern nicht gekommen und Edwina hoffte inständig, dass er bald hier eintreffen würde. Vielleicht konnte Brassel mit seiner Kur helfen?
Sie hatte den Gedanken gerade zu Ende gebracht, als der Wagen in den Hof rollte. Schnell war sie an der Tür und fiel Johann fast um den Hals. Brassel stand hinter ihm und gähnte laut.
"Hast es wohl gestern nich geschafft?" fragte Edwina.
"Das Wetter hast du doch gesehen? Es ging nich schneller!" erklärte er.
"Wie gehts dem Rat?" Brassel war vorgetreten und wartete auf eine Antwort.
"Er isst nich! Stellt Euch nur vor, und trinken will er auch nich!" brachte Edwina hervor.
"Kein Wunder!" sagte Brassel kopfschüttelnd und verschwand im Haus.
"Was meint er denn damit?" Die Magd sah Johann fragend an und zuckte mit den Schultern.
"Willst du wenigstens was essen?"
"Da fragst du noch? Hab genauso wenig gegessen wie der Rat. Sieht man mirs nich an?" Johann strich sich über seinen Bauch und lachte.
Gerade hatte er sich am Tisch in der Küche niedergelassen, als Brassel hereingestürmt kam und Johann befahl sofort etwas Wasser vom Brunnen zu holen und ohne Umwege hinauf ins Krankenzimmer zu bringen.
"Hat das nich was Zeit?" murrte er. Erhob sich aber und lief mit dem Wasserbottich zum Brunnen.
Brassel hatte sich grade über den Kranken gebeugt, als der Kutscher mit dem Wasser eintraf. Johann staunte darauf nicht schlecht als er sah, wie Wolrabe begierig aus dem Becher trank, den der Arzt ihm mit dem frischen Wasser gefüllt hatte.
Brassel drehte sich zu Johann herum und fragte ihn, ob er Brot in der Küche gesehen habe.
"Ich glaub schon, dass welches da ist." gab er zurück.
"Dann geh hinunter und bring mir das Rämpfchen!" befahl der Arzt.
Johann wusste nicht, was er von der Sache halten sollte und ging hinunter in die Küche.
Edwina stand am Herd und rührte in einem Topf. "Und, was wollte der Arzt mit dem Wasser?" fragte sie, ohne aufzublicken.{mospagebreak} "Hats ihm zu trinken gegeben!"
"Wem?"
"Na, dem Rat!" sagte Johann.
"Das glaub ich nich!" rief Edwina und sah ihn entrüstet an. "Ich frag die ganze Zeit, ob er was will und er schüttelt mit dem Kopf! Das versteh wer will!"
"Am Ende hat Brassel schon mit der Kur angefangen" versuchte Johann die Magd zu beruhigen. "Übrigens soll ich ein Rämpfchen vom Brot hoch bringen" sagte er dann.
Edwina warf verzweifelt die Arme in die Höhe. "Na dann brings ihm halt hoch!" rief sie und schnitt ein Stück des Brotes ab, das sie zuvor auf dem Tisch für Johann bereitgelegt hatte.
Der Kutscher betrat wenig später erneut das Zimmer des Rates. Als er die Tür öffnete verstummten die Stimmen, die er undeutlich durch die Tür vernommen hatte. Brassel winkte ihn zum Bett heran und Johann konnte einen Blick auf Wolrabe werfen, dessen Gesicht erneut eingefallen und gelblich wirkte.
Er stand auch neben dem Rat, als der Arzt ihm kurz darauf Brot in den Mund schob, welches er zuvor im Wasser eingeweicht hatte. Der Rat schlang es förmlich hinunter, als hätte ewig nichts gegessen, was ja auch den Tatsachen entsprach. Johann beschloss, Edwina nichts davon zu erzählen, sonst würde sie sich am Ende nur noch mehr aufregen.
"Ich werde heute hier beim Rat bleiben," gab Brassel bekannt. "Sei so gut, und hol für mich ebenfalls ein Stück Brot aus der Küche."
"Edwina ist gerade dabei und rührt in einem Topf mit herrlich duftender Suppe." verkündete Johann und zwinkerte dem Arzt zu, dessen Hang zu üppigen Portionen er seit der letzten Woche kannte.
"Nein!" rief der Arzt, wobei er fast schrill klang. "Brot ist völlig ausreichend!" fügte er dann etwas leiser hinzu, als er merkte, dass Johann ihn entgeistert ansah.
Was solls, dachte sich der Kutscher, dann würde halt mehr für ihn übrig bleiben. Schnell holte er noch ein weiteres Stück Brot und meinte zu Edwina, dass es für den Arzt wäre, was durchaus der Wahrheit entsprach.
Johann fragte Brassel, ob er heute noch mit der Kur anfangen würde, was dieser verneinte. Er wolle sich erst ein Bild von der Krankheit machen, erklärte der Arzt und mit der Kur, wenn sie denn durchgeführt werden müsse, würde er frühestens morgen Vormittag beginnen.
"Dann braucht Ihr mich heute also nicht mehr?"
"Im Augenblick nicht!" sagte Brassel. "Sei aber am Abend wieder zur Stelle!"
Johann fragte sich zwar für was er zur Stelle sein sollte, freute sich aber, dass er kurz zu Marianne gehen konnte.
Im Hinausgehen rief Brassel ihm hinterher, dass er Edwina ausrichten solle, neue Schneewickel zu bringen.
Johann richtete den Wunsch Brassels aus und verschlang hastig seine Suppe. Anschließend schlich er sich in den Keller und füllte ein Leinentuch mit Puffbohnen, die er aus Mariannes geretteten Tontöpfen fischte.
Als er einmal mehr auf dem Weg zum Rathaus war, wurde er sich erneut darüber bewusst, dass er auch heute nicht nach Gudrun gesehen hatte. Er nahm sich fest vor, morgen, am Montag, dem 18. Dezember, ganz sicher zum Haus der Tischlerin zu gehen.

 

Montag, 17. Dezember 2018

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