Start ... Ich ... und meine Weihnachts- Geschichte 16. Dezember
16. Dezember

16. Tag im Dezember 1606 - Sonnabend

Noch bevor die Sonne aufgegangen war hatte sich Johann auf den Weg zum Haus Brassels gemacht. Wie fast nicht anders zu erwarten, teilte ihm dessen Weib mit, dass der Arzt nicht aus Arnstadt zurückgekommen war. Johann hatte sich schon vorher damit abgefunden, hinunter in die südlich von Erfurt gelegene Stadt zu fahren.
Auf dem Rückweg zum Haus Wolrabes machte er Halt am Rathaus. Dort teilte er Marianne mit, dass er vermutlich den ganzen Tag unterwegs sein würde. Er versprach der Gefangenen aber, sobald er aus Arnstadt zurück sei, hierher zu kommen, um nach ihr zu sehen.
Da Marianne bis zum Montag kein weiteres Verhör zu erwarten hatte, weil für den Amtmann der Sonnabend dazu da war, die in der Woche liegen gebliebenen Schreibarbeiten zu erledigen und am Sonntag die Arbeit ruhte, konnte sich Johann ohne schlechtes Gewissen auf die Reise machen. Zumal Marianne seit vorgestern auch wieder Brot und Wasser erhielt, sie also zumindest nicht unter Durst leiden musste. Genügend Bohnen, als zusätzliche Verpflegung hatte ihr Johann erst gestern gebracht, sodass sie noch längere Zeit reichen würden, wenigstens noch den morgigen Sonntag.
Der Kutscher verabschiedete sich und kam kurze Zeit später im Haus des Rates an. Als er die Tür zum Krankenzimmer öffnete sah er, dass Edwina gerade die Morgenspeise zum Bett des Wolrabes gebracht und sie auf ein Tablett daneben gestellt hatte. Sie holte mit einem Löffel etwas Brei aus einer Schüssel, und näherte sich damit dem Mund des Patienten. Der Rat stöhnte und schob die Hand Edwinas von sich.
"Was ist das?" horte Johann ihn fragen.
"Grießbrei hab ich Euch gemacht, den esst ihr doch so gern!" meinte die Magd und versuchte erneut ihren Löffel zum Ziel zu bringen. Allerdings gelang ihr dies erneut nicht. Seufzend legte sie den Löffel neben der Schüssel ab, stand auf und kam zu Johann herüber. Beide traten hinaus auf den Flur, wo sie sich ungestört unterhalten konnten. Edwina schüttelte den Kopf. "Ich weiß nich, ich weiß nich, irgendwas stimmt überhaupt nich mit ihm. Kommt mir beinahe so vor, als will er mich nich da drin haben." Edwina zeigte hinter sich zur Tür.
"Ja warum denn nicht?" fragte Johann. Gehts ihm denn so schlecht, wie vor Tagen?"
"Nein, ganz so schlimm isses wohl nich, jedenfalls noch nich. Das Fieber krieg ich schon runter. Mach ich eben wieder Schneewickel den ganzen Tag. Allerdings, dass er nich essen will, ist komisch. Hoffentlich wirds dadurch nich noch ärger mit ihm!"
Johann zuckte mit den Schultern. "Sei doch froh! Was er nicht isst, kann er auch nich wieder raus bringen."
"Hauptsache, du bist bald mit Brassel hier!" meinte Edwina. "Es ist mir unheimlich, alleine hier zu warten und dem Rat gehts dann vielleicht schlechter und schlechter, ohne dass ich was machen kann!"
"Ich werd zusehen, dass ich schnell zurück bin und dass der Brassel gleich mitkommt. Vielleicht kann er ja heute noch mit der Kur anfangen."
"Ja, das Kalb steht jedenfalls schon im Stall. Habs vorhin vom Schmitt herbringen lassen." erklärte die Magd, während Johann seinen Beutel mit etwas Proviant für die Fahrt füllte.
Das Kalb stand wirklich im Stall und begann kläglich zu Muhen, als es Johann erblickte, der die Pferde zum Wagen führen wollte. Schnell war angespannt und die Gäule zogen den Wagen hinaus auf die Straße. Johann hob grüßend die Hand, als er Edwina an einem Fenster erblickte, die ihm noch einmal zurief, dass er gut zurückkommen und sich ja beeilen solle. Dann hob auch sie kurz eine Hand und winkte bevor sie das Fenster verschloss.
Das Gespann hatte gerade zwei Straßen passiert, als es heftig zu schneien begann. Die Flocken wirbelten Johann so stark ins Gesicht, dass er die Pferde zügeln musste. Solange er durch die Straßen und Gassen Erfurts fuhr, galt es vorsichtig zu sein. Gerade bei diesem Wetter, wo man kaum die Hand vor dem Gesicht sah, konnte es schnell geschehen, dass ein Fuß oder gar ein ganzer Mensch von einem Rad des Fuhrwerks erfasst und überrollt wurde. Es war durchaus auch nicht ausgeschlossen, dass man mit einem anderen Fuhrwerk zusammen stieß. Johan wusste, dass er dann viel Zeit verlieren würde, wenn er überhaupt die Fahrt nach Arnstadt fortsetzen könnte. Es blieb ihm also nichts anderes übrig, als langsamer zu fahren.
Ohne Behinderungen, war er trotzdem innerhalb kurzer Zeit an der Stadtmauer und passierte das Brühler Tor. Sein Weg führte ihn dann in Richtung Hochheim und er folgte der Gera, die sich durch eine Senke unterhalb des Steigerwaldes schlängelte. Johann dachte daran, dass das der gleiche Fluss war, in dessen Wasser seit zwei Tagen, allerdings viel weiter Flussabwärts, Mariannes Puffbohnen trieben.
Die Pferde, deren Hufschlag vom Schnee verschluckt wurde, zogen den Wagen an unzähligen Kopfweiden vorüber, die am Fluss wuchsen und dabei aussahen, als würden sie in Reih und Glied stehende Soldaten sein, die das Gewässer bewachten. Seit dem Schnitt der Weidenruten im Frühsommer waren schon neue Triebe für die Korbflechter nachgewachsen.
Durch den starken Frost, der seit dem 5. Dezember die ganze Gegend fest umklammert hielt, war die Gera von einer dicken Eisschicht bedeckt. Von Zeit zu Zeit konnte Johann Kinder sehen, die ein Stück Eis vom Schnee befreit hatten und nun auf der glatten Fläche klennerten. Andere hielten lange Stöcke in ihren Händen und schoben sich damit Steine über das Eis zu.
Wie an jedem Sonnabend waren auch heute zahlreiche Bauern unterwegs zu den Märkten der Stadt, um dort diese oder jene Waren oder Tiere zum Verkauf anzubieten. Meistens gingen sie zu Fuß, manche zogen einen Karren oder Schlitten. Wenige hatten Zugtiere vor ihren Gefährten, wie Ochsen, Esel oder gar Pferde.
Trotz des vielbefahrenen Weges und der dadurch schneefreien Fahrspur kam Johann wegen des starken Niederschlags nur langsam voran. Mehrmals stieß er Flüche aus, weil ausgerechnet heute ein solch mieses Wetter herrschte.
Johann hatte für die kurze Strecke nach Hochheim über eine halbe Stunde gebraucht und musste befürchten, nicht vor der Mittagszeit in Arnstadt anzukommen. Das hieß dann auch, dass er nicht vor Einbruch der Dunkelheit wieder in Erfurt sein würde. Die Aussicht in der Nacht über das Land fahren zu müssen, gefiel dem Kutscher überhaupt nicht, trieb sich doch allerlei Gesindel auf den Straßen herum, welches erst im Schutz der Dunkelheit aus den Verstecken hervor kroch, um auf Beutezug zu gehen.
Als er Bischleben hinter sich gelassen hatte ließ der Schneefall nach und hörte schließlich ganz auf. Auch die Anzahl der Leute und Fuhrwerke, die nach Erfurt wollten nahm ab, so dass er schneller vorwärts kam. Vor Johann lag eine Ebene, die sich bis zum Fuße des Thüringer Waldes erstreckte und nur von vereinzelten Hügeln durchbrochen wurde. So thronten vor ihm auch die Burgen, die drei Gleichen genannt, auf je einer Bergkuppe über der Landschaft.
Johann griff zur Peitsche und ließ sie knapp über den Köpfen der Pferde tanzen. Er schnalzte mit der Zunge und trieb sie zu größerer Eile. Hinter Molsdorf, dort wo sich die Gera mit dem Wasser der Wipfra vermischt, passierte es dann: Johann bemerkte den Mann mit dem Hund zu spät. Als das wolfsähnliche Tier schließlich seine Zähne zeigte, knurrte und dann bellte, konnte Johann die Pferde nicht mehr halten. Der Wagen schoss die Straße entlang, holperte über einen mit Schnee bedeckten Stein und kippte schließlich in eine hohe Wehe.
Heißer Atem überflog Johanns Gesicht und er schlug die Augen auf. Über sich konnte er eine lange, dunkle Zunge erkennen, an welcher Speichelfäden hingen. Der Geruch, der aus dem Rachen das Tieres drang, war ekelerregend und Johann versuchte seinen Kopf wegzudrehen. Als ihm dies nicht gelang bemerkte er erst das schwere Gewicht auf seinem Körper. Er konnte weder die Beine, noch seine Arme bewegen. Der Wagen hatte ihn komplett unter sich begraben.
Johann stöhnte, obwohl er im Augenblick keine Schmerzen hatte. Mit den Augen suchte er die unmittelbare Umgebung ab, während der Hund begann, Johann über die linke Wange zu lecken. Seitlich, neben der Deichsel des Gefährts, konnte der Kutscher die Beine der Pferde erkennen, die mit ihren Hufen im Schnee scharrten und aus den Nüstern pfeifend Atemwolken entließen.
Nach einer Weile ertönte ein kurzer, schriller Pfiff und der Hund ließ von ihm ab. Johann bemerkte zugleich, dass die Pferdebeine unruhige Bewegungen vollführten.
Plötzlich waren Hände zu sehen, die sich neben Johann unter den oberen Riegel des Wagens schoben. Johann blickte in das Gesicht eines etwa fünfundzwanzigjährigen Mannes, der mit vor Anstrengung verkniffener Mine, begann den Wagen anzuheben. Immer wieder rutschten seine Beine weg, mit denen er versuchte sich abzustützen. Nach mehreren Versuchen, bei denen sich der Wagen nur ein kleines Stück gehoben hatte schüttelte er mit dem Kopf. "Tut mir leid, ich schaff das nicht alleine!" sagte er. "Hast du große Schmerzen?"
"Überhaupt keine!" antwortete Johann. "Ich denke, dass ich Glück hatte, weil unter mir eine große Menge Schnee liegt. Mir wird nur langsam kalt."
"Ich will gleich nachsehen, ob jemand in der Nähe unterwegs ist, der mir mit dem Wagen helfen kann" sagte der Bursche und verschwand aus Johanns Gesichtsfeld.{mospagebreak}Johann fluchte leise und ärgerte sich über seine Unvorsichtigkeit. Noch nie war er mit einem Wagen umgekippt! Ausgerechnet heute, wo er es so eilig hatte musste das Missgeschick passieren!
Ewigkeiten schienen vergangen zu sein ohne dass etwas geschah und Johann glaubte bereits, dass der Bursche einfach weiter gegangen war. Gerade wollte er nach Hilfe rufen, da ihm inzwischen sehr kalt geworden war, als er den Schnee hinter sich unter Schritten knirschen hörte.
"No, wassisse hier passiert?" fragte ein Mann mit einem so faltigen Gesicht, wie es Johann noch nie gesehen hatte. Der Alte beugte sich über Johann und sah ihm direkt in die Augen.
"Ich lebe noch!" sagte Johann und der Alte zuckte zurück.
"Ich dachte schonne..." meinte der und sah hinüber zu dem Burschen.
"Nein, nein" meinte der, "es geht ihm gut, nur der Wagen liegt halt auf ihm drauf."
"Achso, wenns weiter nischt is. Den müsstmer doch schnell offgestellt ham!"
"Aha!" unterbrach Johann die Unterhaltung der Helfer. "Könntet ihr dann bitte versuchen den Wagen anzuheben, bevor ich mir einige Körperteile abfriere, die ich noch gern ein paar Jahre benutzt hätte?"
"Sachs doch glei, dassde dirn Arsch abfrierst!" sagte der Alte.
Innerhalb weniger Minuten stand der Wagen wieder auf den Rädern und Johann klopfte sich den Schnee von der Hose. Er zitterte so, dass seine Zähne klapperten.
"Danke!" sagte er an seine Helfer gewandt.
"Schon gut" meinte der Bursche "bin ja nicht ganz unschuldig an der Sache. Leni kanns halt nicht leiden, wenn man auf sie zugerast kommt."
"Leni?" fragte Johann.
Der Bursche deutete auf den Hund, der sich brav neben ihn gesetzt hatte und zu seinem Herrchen empor schaute. "Ich bin übrigens Argus Mollt und gerade auf dem Weg nach Arnstadt" stellte er sich vor und gab Johann die Hand.
Nachdem Johann ebenfalls seinen Namen genannt hatte, ergriff er schließlich auch die Hand des Alten und schüttelte sie. "Und wer bist du?" fragte er.
Der Alte kniff die Augen zusammen und musterte Johann bevor er zu sprechen begann. "Mer sacht eenfach nur Vinzenz zu mir." meinte er. "Ich will ooch grade heeme!" Ich war in Molsdorf bei meiner Motter. Die hamn heute nämlich e Schwein vor de Platte gebocht un geschlacht" erklärte er, wobei Johann die Ohren spitzen musste, um alles zu verstehen. Außerdem hatte er sich anscheinend von dem faltenreichen Gesicht des Mannes täuschen lassen oder die Mutter von Vinzenz musste ein geradezu biblisches Alter erreicht haben.
"Wo willst du denn hin?" fragte er den Alten, der vielleicht nicht alt war.
"Ich muss nunger nach Bittscht" antwortete er.
"Hm," meinte Johann, "Wie siehts aus, wollt ihr nich bis Arnstadt mitfahren? Macht doch mehr Spaß, das Fahren, wenn man sich unterwegs was erzählen kann. Außerdem habt ihr ja noch was gut bei mir!"
Schnell waren die Pferde wieder vor den Karren gespannt und weiter ging es, jetzt zu dritt, in Richtung Arnstadt.
Ohne Zwischenfälle passierten sie Ichtershausen und Rudisleben, bevor sie in Arnstadt einzogen.
Johann verabschiedete sich von Argus, Vinzenz und auch von Leni, die freudig mit dem Schwanz wedelte, als Johann sie hinter den Ohren kraulte.
Die Mittagszeit war schon lange vorüber, als er das Haus von Brassels Bruder erreichte.
Brassel öffnete selbst und starrte Johann an, als wäre der ein Geist.
"Gehts um den Rat?" fragte er nur.
Johann nickte und erzählte dem Arzt, dass sich die Krankheit wieder gemeldet hatte.
"Ich wollte noch bis zum Montag hier bleiben ..." begann Brassel.
"Ausgeschlossen!" rief Johann dazwischen. "Edwina ist allein beim Rat und dem gehts mit jeder Stunde schlechter."
"So, so, Edwina ..." murmelte Brassel und schien nachzudenken.
"Hör zu Johann, es ist schon spät und bei Tageslicht schaffen wir die Fahrt nach Erfurt nicht mehr! Es nützt dem Rat nichts, wenn wir auf dem Weg zurück überfallen, verprügelt oder gar getötet werden. Wir fahren morgen früh und sind dann wenigstens einigermaßen sicher während der Fahrt!" schlug er vor.
Johann seufzte, denn er erkannte, dass der Arzt nicht unrecht hatte. Er dachte an Marianne, der er versprochen hatte sie heute noch aufzusuchen. Was würde sie sich für Gedanken machen? Auch Edwina würde am Fenster stehen und hoffen, dass jeden Moment der Wagen um die Ecke kam.
Johann nickte, seufzte dann und versprach, Brassel am frühen Morgen des Sonntag, dem 17. Dezember hier abzuholen.

 

Mittwoch, 19. Dezember 2018

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