Start ... Ich ... und meine Weihnachts- Geschichte 14. Dezember
14. Dezember

14. Tag im Dezember 1606 - Donnerstag

Der Amtmann hatte ausdrücklich nach Martin gefragt.
Warum bloß?
Martin!
Was ging ihr der Mann Gudruns an? Marianne kannte sich langsam nicht mehr aus. Zuerst beschuldigte man sie, Geld gestohlen zu haben, dann sollte sie auch noch schwarze Kunst beherrschen und jetzt war sie wohl scheinbar verantwortlich dafür, dass Martin Meisel nicht aus Saalfeld zurückkehrte. Es war einfach nicht zu fassen! Was würde ihr der Amtmann noch alles anhängen wollen?
Vor sich hin grübelnd schob Marianne eine Puffbohne nach der anderen in ihren Mund. Plötzlich hörte sie einen Kiesel über den Steinboden der Zelle springen. Wenig später folgte ein weiteres Steinchen und Marianne ahnte, dass Johan draußen vor dem Rathaus stand.
"Johann?" rief sie leise.
Nachdem sie eine kurze Zeit gewartet hatte ohne eine Antwort erhalten zu haben, glaubte Marianne, dass vielleicht auch ein spielendes Kind die Steinchen durch die Öffnung geworfen haben könnte oder wer auch immer. Sie begann erneut hin und her zu gehen und Bohnen zu zerkauen.
"Psst!" Ein neuer Stein, diesmal etwas größer als seine Vorgänger, flog vor Mariannes Füße.
"Marianne!" kam es leise vom Fenster.
"Ich bin hier!" flüsterte Marianne und war dabei wieder an die Stelle unter dem Fenster getreten, wo sie Johanns Stimme am besten verstehen konnte, ohne dass er laut sprechen musste.
"Sie lassen mich nicht mehr zu dir hinein," fing Johann an. "Ist aber sowieso besser wenn ich dir die Bohnen wie immer runter kullern lasse. Hätten sie mir bestimmt abgenommen, wenn ich durch die Rathaustür getreten wär."
Während Bohne für Bohne in Mariannes Hand und dann in ihr Tuch wanderte erzählte Johann, wie er gestern beobachtet hatte, dass Gudrun in Mariannes Haus verschwunden war.
"Hm, ich kann mir überhaupt nich vorstellen, was sie dort zu suchen hatte." Marianne runzelte die Stirn. "Selbst früher hat sie mich nur ein- oder zweimal im Jahr aufgesucht. Das war immer dann, wenn Martin etwas fehlte, kränklich und leidend war. Hatte es immer mit dem Wasserlassen. Hab ihr dann eins meiner Kräutersäckchen zum Brühen von Tee mitgegeben, ohne etwas von ihr zu verlangen."
"Vielleicht weiß Gudrun wo Martin ist?" schlug Johann vor.
"Dann versteh ich aber nich warum der Amtmann meint, dass ich was damit zu tun habe, dass er nich hier auftaucht." überlegte Marianne. "Gudrun muss doch ihren Mann als überfällig bei ihm gemeldet haben. Würde sie das machen, wenn sie weiß wo ihr Mann ist?"
"Glaub ich nich." musste Johann zugeben.
"Es sei denn, Gudrun wüsste das Martin nie wieder nach Erfurt zurück kommt," spann Marianne den Faden weiter. "Entweder weil er sehr krank ist, das würde vielleicht erklären warum sie in meinem Haus gewesen ist, oder weil er bereits tot ist. Allerdings würden ihm bei großen Schmerzen, meine Kräuter auch nicht mehr helfen. Dazu bräuchte es schon stärkere Mittel und mindestens einen Bader."
"Was ist, wenn er wirklich tot ist?" fragte Johann.
"Dann siehts schon schlechter aus!" Marianne wurde mulmig im Bauch. "Irgendwas stimmt nicht mit der Gudrun. Sie will mir was anhängen und ich weiß beim besten Willen nich warum."
"Werd sie heute einfach fragen!" sagte Johann.
"Lieber nich! Dann schöpft sie am Ende noch Verdacht, dass du mir hilfst und es geht dir zusammen mit mir an den Kragen."
"Glaub nich, dass der Rat das zulassen würde!"
"Pha, der Rat! Denke der liegt auf den Tod? Marianne steckte sich eine Bohne in den Mund.
"Nee, geht ihm schon viel besser jetzt. Brassel, der Arzt hat ihm ne neue Kur gemacht und ihn geheilt."
Trotzdem Johann, geh nich hin!" bat sie ihn eindringlich.
"Wenn sie dich dann doch zu mir herein sperren, sitzen wir zusammen hier und gehen vor die Hunde. Irgendwas finden sie, dass wir ewig in einer Zelle sitzen, oder," Marianne machte eine Pause, "sie machen kurzen Prozess."
Johann fror plötzlich und musste sich schütteln. "Dann geh ich sie wenigstens beobachten und find vielleicht so was raus." meinte er.
"Was wird der Rat sagen, wenn du die ganze Zeit nich da bist?"
"Der liegt ja noch im Bett! Außerdem lass ich mich ab und zu sehen. Kann sein, dass Edwina, unsere Magd, was braucht und ich es dann holen muss.“
„Du musst trotzdem auf der Hut sein!“ mahnte Marianne. „Sollte Gudrun merken, dass du ihr hinterher gehst und sie beobachtest, machst du dich augenblicklich aus dem Staub! Versprich mir das!“
„Ja, ja, ich pass schon auf, brauchst keine Angst zu haben.“ meinte Johann.
„Johann?“
„Ja, bin noch hier!“ antwortete er.
„Kannst du vielleicht meine Puffbohnen ins Haus Wolrabes schaffen und dort verstecken? Ich hab kein Vertrauen, dass die Bohnen in meinem Keller jetzt noch gut aufgehoben sind. Könnte gut sein, dass Gudrun sie langsam, während ich hier sitze, verscherbelt. Im Haus vom Rat dürften sie aber sicher sein. Auch vor dir“, ergänzte sie nach einer Weile und musste bei diesem Gedanken lächeln.
„Ich esse die Dinger doch eh nich, das weißte doch!“
Marianne glaubte, sogar durch das dicke Mauerwerk hindurch, die Mine Johanns sehen zu können.
„Eben drum!“

„He, was schleppste denn da raus?“ Berta stand vor Mariannes Haus und starrte auf den tönernen Topf in Johannes Arm.
„Kümmer dich um deinen Kram!“ warf er ihr nur kurz entgegen.
Wie auch schon am letzten Sonnabend, war Berta scheinbar aus dem Nichts aufgetaucht und hatte sich, so breit sie war, Johann in den Weg gestellt.
„Werds dem Amtmann melden, da kannste Gift droff nehmen. Wird dir dann schon Beine machen! Könnte ja jeder kommen, um Sachen von der Beck hier rauszuschleppen.“
„Vielleicht wars ja der Amtmann, der mich her geschickt hat?“ erwiderte Johann. „Dann kannste dir selbst was anhören, wenn du ihm so kommst.“
Die Dicke riss ihr Maul auf, als würde sie nach Luft schnappen um eine größere Rede zu halten, klappte es jedoch wieder zu, drehte sich um und ging.
Johann packte den Topf zu den anderen Bohnengefäßen auf den Holzkarren. Rumpelnd zog er die Fuhre über vereistes Pflaster und gefrorenen Schnee zum Haus des Rates. Dort angekommen sah er Edwina in der Küche wirtschaften und brachte, von ihr unbemerkt, die Töpfe in den Keller.
Nur kurze Zeit später ging er los, um die vierte und zugleich letzte Fahrt zum Haus Mariannes zu machen. Je eher er fertig werden würde, desto früher konnte er sich auf den Weg zum Krämpfertor machen, wo Meisels Werkstatt war.
Als hätte Marianne es voraus gesehen, konnte Johann schon aus einiger Entfernung erkennen, wie Jakob und Berthold Mariannes restliche Bohnentöpfe auf einen Wagen luden. Johann blieb vor Überraschung wie angewurzelt stehen, bevor er kehrt machte, um sich hinter einer Hausecke zu verschanzen. Von dort lugte er hinüber zum Geschehen und spitzte die Ohren.
„So, das ist der letzte Bottich von da unten!“ konnte Johann gerade aufschnappen und sah wie Berthold einen der größeren Töpfe zum Fuhrwerk trug.
„Bloß gut, dass es nich so viele waren!“ meinte Jakob.
„Ja, ich dachte schon, dass ich mir auf der steilen Stiege, das Genick brechen würde.“ Wo kommen denn die Dinger hin?“
„Frag nich so viel und stell den dort auch auf den Wagen.“ Jakob zeigte auf einen Topf, der noch neben der Tür stand. Wirst schon sehn, wo die Dinger landen.“
„Ist doch komisch,“ sagte Berthold „dass der Amtmann uns gleich nachdem die Meisel bei ihm war losgeschickt hat.“
„Was soll daran komisch sein?“
„Na, dass das Weib daher kommt, eine Meldung macht und sofort passiert auch was.“
„Wie meinste denn das?“
Berthold stöhnte. „Bei solchen Sachen schickt uns Braun doch sonst erst nach Tagen los.“ erklärte er. „Selbst dann isses aber noch nich so brenzlig, wie jetzt mit der Becke.“ Berthold zeigte auf das Haus. „Da muss noch mehr dahinter stecken!“
Johann folgte den Gehilfen, die mit dem Wagen langsam in Richtung der Gera unterwegs waren. Er fragte sich, was die Beiden wohl mit den Bohnen vor hatten.
An einer seichten Uferstelle zogen beide den Wagen auf den zugefrorenen Fluss. Etwa auf dessen Mitte blieben sie stehen und Jakob nahm ein Beil, dass zwischen den Töpfen lag und begann ein Loch in das Eis zu hacken.
Unterdessen konnte Johann beobachten wie Berthold die Töpfe nebeneinander, gleich beim Wagen abstellte. Nach wenigen Minuten hatte Jakob die Eisschicht durchbrochen denn er erhob sich und Berthold glotzte in das entstandene Loch, auf die träge darunter hinfließende Gera.
Johann ahnte bereits, was dann passierte. Marianne würde wohl oder übel auf einige der Töpfe aus ihrem Lager verzichten müssen, denn die Gehilfen des Amtmanns kippten die Bohnen in das Loch. Ein Gefäß nach dem anderen wurde geleert, sodass der Inhalt unter dem Eis der Gera davon trieb.
Der Kutscher hatte genug gesehen und machte sich auf den Rückweg. Dabei sagte er sich, dass er zwar heute die Meisel nicht beobachten konnte, trotzdem aber wusste wo sie war und was sie gemacht hatte.{mospagebreak}Wolrabe lag in seinem Bett und starrte an die Decke. Einige Schweißperlen auf seiner Stirn verbanden sich zu größeren Tropfen, die an der Schläfe hinab, bis zum Kinn rannen. Leichter Schüttelfrost überkam ihn und er fühlte sich allgemein schlapp. Es gab keinen Zweifel: Wolrabe wusste, dass seine Beschwerden zurückgekehrt waren. Nach dieser Erkenntnis stöhnte er, weil sich wie ein kleines, immer schneller werdendes Hammerwerk, die Kopfschmerzen ankündigten.
Dazu gesellte sich nun die Angst, wie er sich selbst eingestehen musste. Angst davor, dass Brassel die Kur erneut anwenden musste und Angst vor dem Lebenssaft eines anderen Wesens.
Sollte es sich wirklich um eine erneute Vergiftung handeln, musste Edwina ihre Hand im Spiel gehabt haben! Niemand außer der Magd bereitete die Speisen zu und außer Johann kam auch niemand sonst in die Küche oder gar ins Haus.
Der Gedanke an den Verrat schmerzte ihn ungeheuer und so schob er ihn zunächst von sich, da er sich einfach keinen Grund vorstellen konnte warum Edwina ihm dies angetan haben sollte.
Er versuchte sich einzureden, dass sein gegenwärtiger Zustand vielleicht nur ein kleiner Rückfall war. Derartige Erscheinungen, so hatte er gehört, gab es bei Krankheiten oft.
Der Rat beschloss den morgigen Tag, also den 15. Dezember abzuwarten, bevor er, falls es notwendig sei, nach Brassel schicken würde. Er lehnte sich zurück in sein Kissen und schlief nach wenigen Augenblicken ein.

 

Mittwoch, 19. Dezember 2018

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