Start ... Ich ... und meine Weihnachts- Geschichte 12. Dezember
12. Dezember

12. Tag im Dezember 1606 - Dienstag

Die Zellentür wurde aufgerissen und Marianne erkannte schon an der Nase mit wem sie es zu tun hatte: Der Amtmann stand in der Tür. Zunächst hatte sie geglaubt, ihre Essensration würde, wie an jedem Morgen zugeteilt werden. Entsprechend erschrocken war sie, als sie Braun dort an der Tür stehen sah.
„Marianne Becke?“ fragte er in den Raum hinein.
„Wer sollte denn sonst hier sein“, gab sie zurück.
„Es ist soweit!“
„Kann ich gehen?“ Mariann schaute ungläubig zu ihm hinüber.
„Das könnte dir wohl in den Kram passen, was? Wir werden uns erst eine Weile unterhalten müssen! Kannst dir doch bestimmt denken, dass wir dich nach dieser Sache nicht einfach gehen lassen können.“
„Wenn ich nur wüsste, welche Sache gemeint ist, könnt ich vielleicht was dazu sagen.“ Marianne trat aus der Zellentür heraus und blickte dem Amtmann in die Augen. Danach ging sie hinüber zu Berthold, der auf dem Gang stand.
Wie gut es doch war, dass Johann Gudrun aufgesucht hatte, überlegte Marianne. Sie glaubte zu wissen, warum sie sich hier befand.
Zu dritt stiegen sie die steinerne Treppe hinauf, wobei Berthold vor ihr und Braun hinter ihr ging. Erst nach einem kleinen Disput untereinander hatte der Amtmann zugestimmt, Mariannes Hände ungefesselt zu lassen.
„Die würde nich weit kommen, Amtmann!“ begründete der Gehilfe seinen Standpunkt. „Ich bin zehnmal schneller. Sie würde sichs überlegen noch mal stiften zu gehen!“
Selbst wenn sie gewollt hätte wäre es Marianne unmöglich gewesen auch nur ansatzweise eine Flucht zu wagen. Nach fast einer Woche in diesem Kellerloch war es ihr, als blicke sie geradewegs in die Sonne. Dabei durchquerte sie nur den Flur des Rathauses mit seinen Fenstern. Aber selbst diese verhältnismäßig geringe Menge Licht reichte aus, um sie zu blenden.
„Nimm die Hand runter!“ ranzte sie Braun von hinten an und stieß an ihre Schulter.
„Meine Augen tun mir aber weh!“ versuchte Marianne zu begründen, warum sie mit der Hand ihre Augen beschattet hatte.
„Hand runter!“ schrie der Amtmann, sodass Marianne zusammenzuckte und augenblicklich die Hand sinken ließ.
Nur wenige Schritte später rächte sich dann, dass sie kaum noch etwas erkennen konnte. Sie stolperte über eine Türschwelle und klammerte sich im Fallen an Berthold, der darauf nicht gefasst war. Zusammen mit dem Gehilfen, ging Marianne zu Boden.
„Verdammt, Weib, geh von mir runter oder es setzt was!“ schimpfte Berthold und versuchte sie von sich weg zu schieben.
„Denkst wohl, ich will dir was?“ Obwohl ihr nicht danach zumute war, musste Marianne lachen. „Musst nicht denken, dass ich dir ans Leder will!“
„Halts Maul, Weib!“ blaffte der Gehilfe und ergriff die Hand des Amtmanns, die dieser ihm entgegen streckte.
Marianne wurde in einen Raum geführt, der von einem breiten Tisch beherrscht wurde. Auf den Schmalseiten, rechts und links lagen flache Papierstapel. Tintentöpfchen standen jeweils daneben und mehrere Federkiele lagen obenauf.
Marianne zählte insgesamt sechs Stühle: drei auf der breiten Seite hinter dem Tisch, je einer an den kurzen Seiten, dort wo die Papiere lagen und einer stand mit etwa vier Ellen Abstand in der Mitte vor dem Möbel. Dieser einzelne Stuhl war eigentlich eher ein Schemel und hatte weder Arm- noch Rückenlehne.
Aha, dachte Marianne, das ist also das Verhörzimmer!
„Setz dich!“ Berthold schob die Gefangene zum Schemel.
Amtmann Braun war inzwischen um den Tisch herum gegangen und nahm auf dem mittleren Stuhl mit der etwas höheren Lehne platz. Damit saß er jetzt Marianne gegenüber und nur die schwere Tischplatte trennte sie.
Im gleichen Augenblick traten zwei Männer ein, die Marianne noch nie zuvor gesehen hatte. Sie nickten kurz in Richtung des Amtmanns und suchten ihre Plätze am Tisch auf. Der spindeldürre Glatzkopf setzte sich rechts neben Braun und der Zweite, ein kleiner, dicker Mann mit dunklen Flecken an den Händen nahm ganz rechts, an der Schmalseite, hinter dem dortigen Papierstapel platz. Das konnte nur ein Schreiberling sein, mutmaßte Marianne. Auch die fleckigen Finger ließen sich so erklären, die anscheinend vom Hantieren mit Tinte herrührten.
Jemand nieste beim Eintreten. Marianne verfolgte mit den Augen einen dunkelhaarigen Mann mittleren Alters und geröteter Nase bis zu seinem Stuhl am anderen Schreibzeug. Schniefend ließ er sich dort nieder, griff zu einem der Federkiele, tauchte ihn kurz in den Tintentopf und begann, ohne sich dabei umzusehen, mit dem Beschreiben des ersten Blattes.
Berthold postierte sich breitbeinig neben der Tür und sah zu Marianne herüber.

„Dein Name ist Marianne Becke, habe ich recht?“ begann der Amtmann mit seiner ersten Frage.
„Das wisst Ihr so gut wie ich“, entgegnete Marianne, die Braun nun lieber nicht mehr so persönlich mit >du< anreden wollte.
Selbst wenn ich es weiß, möchte ich es aus deinem Munde hören!“ erklärte Braun und dabei berührte seine Nase fast die Tischplatte, so sehr beugte er sich nach vorn.
„Wie alt?“ fuhr er fort.
„Werd nächsten Sommer 45 Jahr. Bin geboren als 1562 die große Pest in Erfurt gewütet hat. Hat mich nich umgebracht und auch nich meine Mutter.“
Beide Federkiele, der rechts am Tisch und der links am Tisch, kritzelten über die Seiten, als sie ihre Antworten gab.
Braun, der Mariannes Blick gefolgt war, deutete auf den Schreiber mit der roten Nase. „Das ist übrigens der Notarius Tetzel, der dich und deine Belange vertritt. Auch wenn es dann vor Gericht geht!“ ergänzte er.
Während Marianne nun doch etwas mulmig wurde, sah Tetzel kurz zu ihr herüber, nickte und schniefte bevor er sich wieder dem Beschreiben des Papiers widmete.
„Und hier“, Braun deutete auf den Glatzkopf neben sich, „ist der Gehilfe von Richter Welzig. Er wird dem Richter vom Fortgang der Befragung unterrichten“, erklärte er in scharfem Ton.
„Marianne, was hast du uns nun zu sagen?“ fuhr Braun fort.
„Keine Ahnung, auf was Ihr hinaus wollt?“ antwortete sie. Johann hatte ihr zwar von Gudruns Geschwätz berichtet, aber solange der Name ihrer Base nicht gefallen war wollte sie lieber nichts sagen.
„Dann erzähl uns doch, wo du am Abend des 5. Dezember warst. Ich warne dich!“ fuhr er fort, „solltest du lügen oder Ausflüchte erfinden, wird deine Strafe umso härter!“
„Bei der Meisel Gudrun war ich und ...“
„Aha!“ unterbrach Braun Mariannes Antwort und stützte sich auf den Tisch. „Du warst also bei der Meisel?“ rief er und zeigte mit dem Finger auf Marianne.
„Hab ich doch grade gesagt.“ Marianne zuckte mit den Schultern.
„Was gabs denn bei der Tischlerin?“ wollte Braun jetzt wissen.
„Wollte von mir, dass ich sage, wo ihr Geld hingekommen ist.“
„Und warum wollte sie das von dir in Erfahrung bringen?“
„Meinte wohl, ich könnts erraten.“ Marianne schüttelte mit den Kopf. „Konnte ich aber nich! Hab ihr dann angeboten, beim Suchen zu helfen und da hatse mich rausgeworfen.“ berichtete sie.
„So, so! War es nicht eher so, dass zehn Groschen auf dem Tisch lagen als du zu ihr kamst, welche dann aber verschwunden waren als du gegangen bist?“
„Nein, hab kein Geld gesehen!“ erklärte Marianne kopfschüttelnd. „Die Gudrun hat geflennt wegen der Groschen. Sie wollte was zu essen kaufen für den Tischler wenner aus Saalfeld kommt. Das Geld war vorher schon weg.“
„Und warum bist du dann weggelaufen?“
„Bin ich nich! Gudrun hat mich beschimpft ...“
„... weil du ihr das Geld gestohlen hast!“ vollendete Braun Mariannes Satz.
„Hab ich nich! Sie hat mich vor die Tür gesetzt und da bin ich gegangen.“
„Nicht gerannt?“ fragte Braun mit erhobenen Brauen nach.
„Nein!“
„Was hast du zur Meisel gesagt, als du gegangen bist?“ bohrte der Amtmann weiter.
Marianne überlegte und legte dabei ihre Stirn in Falten. „Weiß ich nich mehr!“
„Kann es sein, dass du ihr gedroht hast?“
„Nein, bestimmt nich! Warum sollte ich Gudrun drohen?
„Die Fragen stelle ich!“ erklärte Braun mit scharfen Worten. „Ist es nicht so, dass du zur Meisel gesagt hast, dass sie sich besser überlegen soll, was sie sagt?“
„Kann sein, das ich das gesagt hab“, räumte Marianne ein. Ihr gefiel diese ganze Fragerei überhaupt nicht. Johann hatte Gudrun so gut es ging ausgehorcht, die Marianne beschuldigte den Diebstahl begangen zu haben. „Damit kann ich fertig werden“ hatte Marianne daraufhin zu Johann gesagt. Gleichzeitig wunderte sie sich aber, warum man sie wegen dieses eigentlich geringen Vergehens fast eine Woche im Gefängnis festgehalten hatte.
„Was sagte denn die Meisel, dass du ihr drohen musstest?“ unterbrach Braun Mariannes Gedankengänge.
„Hm! Kann mich nich dran erinnern.“
„War es vielleicht so, dass die Meisel dich,“ der Amtmann machte eine Pause, „Hexe genannt hat?“
Marianne stockte der Atem, denn sie merkte nun, dass die Geschichte in eine ganz andere Richtung lief, als sie und Johann zuerst vermutet hatten. Wenn sie jetzt die Wahrheit sagen würde, wäre es denkbar, dass man sie wegen Hexerei anklagen könnte.{mospagebreak} „Ja!“ sagte Marianne, obwohl sie wusste, dass das ein Fehler war.
„Und warum hat sie dich eine Hexe genannt?“ fragte Braun betont langsam.
„Kann mir nich denken, wie sie auf so was kommt.“ sagte Marianne mit belegter Zunge. „Kann ich etwas Wasser zum Trinken kriegen? Hab heute noch keins gehabt.“
„Fragen tu immer noch ich! Merk es dir endlich!“ Der Amtmann fuchtelte wütend mit seinen Händen. „Trinken kannst du wenn wir hier fertig sind!“
„Hast du das Geld der Meisel vielleicht gar weggehext?“ fragte er nun.
Mariannes Rücken straffte sich. „Nein, hab ich nich! Wüsst gar nicht wie!“
„Dann hast du es genommen?“
„Nein! Wie oft soll ich’s noch sagen? Habs nich mal gesehen!“
„Aha“, meinte Braun. „Woher kommt dann das Geld in deinem Fußboden?“
„Hab ich ehrlich verdient mit ...“
„Ja, ja“, unterbrach der Amtmann erneut. „Jetzt kommst du mir wieder mit den verkauften Puffbohnen.“
„Wenns aber stimmt! Fragt doch den Rat Wolrabe, der hat auch bei mir gekauft!“
„Wird sich schwer machen lassen“, meinte Braun und begann mit den Fingern auf die Tischplatte zu trommeln. „Der Rat liegt im Sterben.“
„Was?“ Marianne war fast aufgesprungen. „Letzte Woche hab ich erst ...“
„Schluss jetzt mit den Bohnen!“ Brauns rechte Hand knallte auf den Tisch. „Gib endlich zu, dass du die zehn Groschen der Meisel unter deinem Fußboden versteckt hast!“
„Nein, das stimmt nich!“ rief Marianne.
„Wie du willst.“ meinte Braun und gab Berthold ein Zeichen.
Darauf packte der Mariannes Arm und zog sie auf die Beine.
„Vielleicht brauchst du noch ein bisschen Zeit, um deine Gedanken zu ordnen.“ meinte Braun und erhob sich.
„Bring sie runter in ihre Zelle, da hat sie Ruhe zum Überlegen“, befahl er dem Gehilfen grinsend.

Brassel stellte zufrieden fest, dass der Patient ansprechbar war und heute einen wesentlich besseren Gesamteindruck machte. Er schlief ruhig, ohne auf der Zunge zu kauen und die gelbliche Färbung der Haut war fast gänzlich verschwunden.
Der Arzt war mehr als zufrieden und sicher, dass der Rat überleben würde. Brassel hatte Edwina aufgetragen, eine Brühe für den Herrn Rat auf den Herd zu stellen. Ohne Widerworte war die Magd in Richtung Küche davon gerauscht und man hörte nur noch das Klappern irgendwelcher Töpfe und Deckel. Vielleicht kam er dabei auch selbst zu einer Mahlzeit?

Marianne saß unter dem Fenster ihrer Zelle und wartete auf die Rückkehr von Johann, den sie vorhin nochmals in ihr Haus geschickt hatte. Anscheinend hatte man vor, sie mit Hunger und Durst gesprächiger zu machen. Deshalb war es wichtig, dass ihr der Kutscher Wolrabes weitere Puffbohnen brachte. Zuvor hatte sie Johann jedoch vom Verlauf des Verhörs berichtet, der ihr daraufhin einen Rat gegeben hatte, welcher Marianne überhaupt nicht gefiel,
Hoffentlich musste sie ihn morgen, am 13. Dezember nicht befolgen.

 

Mittwoch, 19. Dezember 2018

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