Start ... Ich ... und meine Weihnachts- Geschichte 11. Dezember
11. Dezember

11. Tag im Dezember 1606 - Montag

Johann hatte den Schlitten angespannt und fuhr gleich am Morgen auf den Anger um das Kalb zu kaufen, was sich als nicht ganz einfach zu bewerkstelligende Aufgabe erwies. Ein Kalb zu dieser Jahreszeit war fast nicht zu bekommen und als entsprechend hoch stellten sich die Preise für die heraus, die es gab.
Johann konnte stur sein und bis zum Umfallen handeln. Allerdings drängte ihn heute die Zeit. Brassel war bereits beim Rat und hatte festgestellt, dass Wolrabe den Tag vielleicht nicht überleben würde. Eile war also geboten!
Der Arzt hatte Johann aufgetragen unbedingt darauf zu achten, dass er ein gesundes Tier erwarb. Johann suchte nacheinander drei Bauern auf, die Tiere zum Kauf anboten. Der Erste, Wolfgang Mälzer aus Gispersleben, hatte nur Hühner und ein furchtbar quiekendes Schwein mit auf den Markt gebracht. Barthol Lippoldt aus Hochstedt, führte eine Kuh mit einem kränklichen, klapperdürren Kälbchen an einem Seil und versuchte vergeblich Johann davon zu überzeugen, dass das Kalb gesund sei. Johann ging weiter zu Hinz Löblich aus Marbach, der ein Tier anbieten konnte, wie es sich Johann gewünscht hatte, weil es noch recht klein und entsprechend jung war.
Unverschämt hoch war jedoch der Preis, den der Bauer dafür wollte. Johann war nicht dazu bereit, einen dreiviertel Gulden, also 45 Groschen für das Tier zu zahlen und stritt sich zunächst erbittert mit Löblich herum. Bis auf fünfunddreißig Groschen war der Bauer mit dem Preis herunter gegangen und ließ dann nicht mehr mit sich handeln. Johann war wütend und hätte am liebsten mit der Peitsche zugeschlagen.
Anstatt das teure Kalb zu kaufen, erinnerte er sich an Mariannes Puffbohnenfuhren im Sommer und beschloss kurzerhand, hinaus in eines der Dörfer zu fahren, um sich dort ein Tier zu holen.
Schnell sprang er in den Schlitten und trieb die Pferde zum Krämpfertor hinaus. Nach nicht ganz einer halben Stunde war er in Azmannsdorf angekommen, wo ihm ein altes Weib über den Weg lief, die ihm bereitwillig Auskunft gab bei welchem Bauern ein Kalb zu holen wäre.
Die Verhandlung hier erwies sich als einfach. Der Bauer, der ihm sogar zwei Kälber zur Auswahl zeigen konnte, wollte zunächst dreißig Groschen und bekam am Ende zwanzig von Johann.

Brassel hatte mit der Hilfe Edwinas inzwischen den Rat entkleidet und gewaschen, wobei er die Magd mehrmals ermahnte, ja nur gründlich vorzugehen. Vom Bett Wolrabes waren sämtlichen Decken und Kissen entfernt worden. Ein neues, weißes Leinentuch lag auf der Matratze, auf der nun der Rat wie aufgebahrt lag. Brassel legte ein weiteres Tuch über Wolrabes Körper, während Edwina den Tisch des Herrn schrubben musste.
"Wozu das gut is, würd ich doch schon gern wissen." maulte sie. "Das Bett seh ich ja noch ein aber den Tisch? Als ob der Rat sich dransetzen könnte. Außerdem hab ich den erst letzten Dienstag geputzt!"
"Machs eben!" befahl der Arzt und las ohne aufzusehen weiter in einem Buch.
"Ich frag mich, wo der Johann so lange bleibt? Müsste eigentlich schon längst wieder hier sein," meinte sie dann.
"Hm, ich hoffe dass er bald kommt." murmelte Brassel mit einem kurzen Blick auf seinen Patienten. "Vielleicht hatte er auf dem Markt kein Glück mit einem Kalb?"
"Hätt er nich auch ein Zicklein bringen können?" warf Edwina ein.
"Nein, nur ein Kalb!"
"Begreif ich nicht!"
"Bist ja auch kein Arzt."
"Will auch keiner sein," gab Edwina unumwunden zu. "Wär mir viel zu viel, was ich mir merken müsste. Dann stirbt womöglich einer, den ich behandelt habe und die ganze Arbeit war für die Katz. Schlimmer isses dann, wenn die schwarzen Beulen kommen und der Arzt muss als Zweiter dran glauben, weil er den Ersten behandeln musste."
Edwina schüttelte heftig den Kopf. "Nee, nee, das wär mir nichts!"
"Hab auch noch von keinem Weib gehört, das Arzt wäre." meinte Brassel.
Leises Muhen unterbrach die Betrachtungen der beiden über den Ärztestand und Brassel lief mit schnellen Schritten hinaus auf den Flur. Edwina folgte auf den Fuß und versuchte am Arzt vorbei zu kommen.
"Na endlich!" rief der, als er Johann mit dem Kalb auf dem Arm hereinkommen sah.
"Hab mich beeilt." meinte der Kutscher. "Musste bis raus nach Azmannsdorf wegen dem Vieh."
"Schon gut, schon gut!" rief der Arzt und winkte ab. "Wir haben jetzt Wichtigeres zu tun, als uns hier deine Reisegeschichten anzuhören. Ist egal wo das Kalb herkommt, Hauptsache es ist endlich da und wir können anfangen!"
"Wir?"
"Ja, wir!" sagte Brassel, als wäre das eine Selbstverständlichkeit. "Ihr werdet dabei sein, wenn ich dem Ratsherren die neue Kur mache!"
"Und wann soll das Kalb dann geschlachtet werden?" fragte Edwina.
"Es wird nicht geschlachtet! Wie oft muss ich das noch erzählen?"
"Nicht?" Johann starrte auf das Tier, dass er hielt.
"Nein, es muss leben!" erklärte der Arzt.
Edwina war fassungslos. Der Brassel muss den Verstand vollkommen verloren haben, dachte sie. Hätten sie doch nur den Bader geholt und nicht den Brassel. Jetzt isses wahrscheinlich bald aus mit dem Rat und der Arzt ist dran schuld.
"Bring das Tier ins Zimmer des Rates und pass auf, dass es keinen Laut von sich gibt!" sagte Brassel zu Johann.
"Werd ihm das Maul zuhalten," schlug Johann vor.
"Besser du bindest es ihm zu. Kann sein, dass ich deine Hände brauche."
Johann sah verständnislos zum Arzt, machte sich aber daran einen Streifen Stoff, den Edwina ihm hinhielt, um das Maul des Kalbes zu schlingen.
Als er damit fertig war, betraten sie zu dritt das Schlafzimmer des Rates.
Wolrabe hatte sich in der Zwischenzeit nicht bewegt, wie es schien.
Brassel deutete auf den Tisch, den er von Edwina neben das Bett stellen lassen hatte.
"Da drauf" sagte er zu Johann und nickte zum Tier hin.
"Ich soll das Kalb neben den Rat tun?" fragte der Kutscher.
"Ja, mach jetzt was ich dir auftrage! Wenn ich alles zweimal sagen muss werden wir nie fertig!" regte er sich auf.
Johann stellte das Kalb auf den Tisch, hielt es aber mit einer Hand fest, weil es vor Angst zitterte und womöglich herunter springen würde.
"Scheiße!" fluchte Edwina, als das Tier mit einem riesigen Platsch, eine für seine Größe beachtliche Ladung Kot auf der Tischplatte platzierte.
Brassel zog unterdessen mehrere Messer aus seiner Arzttasche hervor und legte sie neben Wolrabe auf das Bett.
Nachdem sie den Fladen vom Tisch entfernt hatte und die Platte erneut geschrubbt war, stellte sich Edwina neben die Tür und starrte voller Misstrauen auf die Handgriffe des Arztes. Sie fragte sich, was sie bei der Kur zu tun haben würde? Jedenfalls hatte sie noch nie von einer solchen Behandlung gehört und zweifelte schon vorher an deren Erfolg.
Brassel trat nun zum Bett und befahl Johann, das Kalb hinzulegen und so festzubinden, dass es sich nicht mehr bewegen konnte. Edwina verschwand, um neue Leinentuchstreifen aufzutreiben.
"Bind es aber so fest, dass ich gut an ein Bein des Tieres heran komme." befahl Brassel und ordnete weitere Gerätschaften.
Johann schickte sich an, das Tier festzubinden, dass anscheinend dachte seine letzte Stunde habe geschlagen, da es wild um sich trat.
Schließlich tränkte der Arzt ein Tuch mit einer Flüssigkeit und hielt es dem Kalb vor das Maul. Wenig später erschlafften die Glieder des Tieres und es lag ruhig atmend auf dem Tisch.
Brassel schabte mit einem Barbiermesser ein Stück Fell von einem Bein des Kalbes. Edwina trat, als sie dies sah, von einem Fuß auf den anderen. Spätestens jetzt war sie sicher, dass Brassel durchgedreht war und eingesperrt gehöre.
Dann musste Johann den Tisch mit samt dem Tier direkt neben den Rat schieben. Das Bein des Kalbes lag nun unmittelbar beim Arm Wolrabes.
Brassel nickte zufrieden und setzte einen Schnitt in den Arm des Rates und schob ein dünnes Glasröhrchen hinein, welches mit einem Pfropfen verschlossen war. Kurz darauf beugte er sich über das Tier und wiederholte das, was er soeben beim Rat gemacht hatte, wobei er in die vom Fell befreite Stelle schnitt. Auch hier platzierte er ein Röhrchen.
Johann sah wie gebannt dem Arzt bei seiner Arbeit zu. Er hatte neben dem Kalb Posten bezogen, um es zu halten falls es erwachen würde. Beide, Brassel und Johann zuckten vor Scheck zusammen, als der Aufschlag erfolgte und starrten zur Tür. Dort lag Edwina auf dem Boden und rührte sich nicht mehr. Schnell war Brassel bei ihr und fühlte nach ihrem Puls.
"Ist nur eine Ohnmacht," erklärte er Johann. "Vielleicht ist es besser für sie, dass sie nicht weiter zusehen muss. Am besten, du trägst sie in ihre Kammer," sagte er. "Ich mache inzwischen weiter. Beeil dich aber!"{mospagebreak}Während Johann mit Edwina unterwegs war, verband Brassel beide Röhrchen, das des Tieres und das des Menschen, mit einem Weiteren. Augenblicklich floss Blut aus der Arterie des Kalbes in die Armvene Wolrabes.
Brassel war zufrieden und beobachtete das Gesicht des Rates, um gleich eingreifen zu können, wenn sich Anzeichen erkennen ließen, dass der Rat erwachen würde.
Der Patient atmete jedoch ruhig weiter. Brassel fühlte unablässig den Puls, um bei der geringsten Veränderung des Herzschlages mit der Blutübertragung aufzuhören.
Inzwischen war Johann zurück und konnte sich keinen Reim auf das machen, was er gerade sah.
Nach einer ganzen Weile zog der Arzt die Röhrchen aus den Blutgefäßen und nähte beide Öffnungen zu.
Johann musste das Kalb anschließend hinaus zu den Pferden bringen während Brassel inzwischen den Rat untersuchte. Dieser atmete normal und die Herzschläge kamen ruhig und gleichmäßig.
Brassel wischte sich gerade den Schweiß von der Stirn als er Edwinas Stimme von der Tür her hörte.
"Wo isses hin?" fragte sie und sah sich im Zimmer um.
"Johann bringt es gerade zu den Pferden. Es ist schon vorbei," sagte er und zeigte auf den Rat.
"Was habt Ihr gemacht?"
"Ich werde heute hier bleiben," meinte der Arzt ohne auf Edwinas Frage einzugehen. "Es wäre schön, wenn du ein kleines Süppchen für mich hättest. Habe heute noch nichts rechtes in den Magen bekommen! Kann gut sein, dass der Rat auch eins will," meinte er, als er Edwinas säuerliches Gesicht sah.
"Hm!" Edwina drehte sich um und stieg hinab in die Küche.

Johann stand, wie schon am Sonnabend, vor der hohen Tür des Rathauses. Diesmal öffnete Jakob, der andere Gehilfe des Amtmanns und starrte ihn an, als wäre er ein Geist.
"Ist Wolrabe tot?" fragte er unumwunden.
"Wie kommste denn dadrauf?"
Jakob zuckte mit den Schultern, "Dachte eben es wär soweit. Was willste denn sonst hier?"
Johann seufzte und trug wieder sein Anliegen vor.
"Hm," machte der Gehilfe. "Da muss ich erst fragen," meinte er und verschwand augenblicklich.
Johann ging vor dem Rathaus auf und ab und wartete. Erst nach einiger Zeit öffnete sich die Tür. Verblüfft bemerkte Johann, wie Gudrun aus ihr heraus trat und sich mit einem Tuch über die Augen wischte. Schnell drehte sich Johann von ihr weg, so dass sie ihn nicht bemerken konnte.

Marianne war verzweifelt. Heute war schon der fünfte Tag ihrer Haft und noch immer hatte sie keine Ahnung, was man ihr vorwarf. Die Tür wurde auch heute nur geöffnet, um Wasser in ihren Becher zu gießen und schlechtes Brot in die Zelle zu werfen. Eine Hoffnung blieb ihr jedoch: sie war froh, dass Johann sie gefunden und ihr versprochen hatte, sich umzuhören und ihr zu helfen. Er wollte sie deshalb heute aufsuchen und Marianne hatte sich darum nie weit vom Fenster entfernt, um Johanns Barsch auf keinen Fall zu verpassen.
Sie war gespannt, was Johann herausgefunden hatte und wartete ungeduldig. Diese Ungeduld bekämpfte sie wie gewöhnlich, mit der regelmäßigen Einnahme von jeweils einer Puffbohne, die sie langsam zerbiss und erst dann schluckte, wenn aus ihr eine breiige Masse geworden war. Darauf folgte eine Pause, bis die nächste Bohne an die Reihe kam. Das Ergebnis der Warterei bestand darin, dass sie fast sämtliche Bohnen aufgegessen hatte, die Johann ihr gestern gebracht hatte.
Als die Tür schließlich geöffnet wurde schrak sie auf. Schnell war sie auf den Beinen und strich sich über ihren Rock, weil sie glaubte, dass man sie nun verhören würde.
"Hallo Marianne", sagte Johann, der in diesem Moment die Zelle betreten hatte.
"Hallo!" erwiderte Marianne überrascht, die sich zusammennehmen musste, um Johann nicht um den Hals zu fallen.
Johann versuchte sich in der Zelle umzusehen, konnte aber in der Dunkelheit nicht allzu viel erkennen.
Marianne schämte sich für den widerwärtigen Gestank, der sie umgab, den sie schon lange nicht mehr wahrnehmen konnte.
"Wir haben nicht viel Zeit," begann Johann. "Ich glaube ich weiß warum man dich hier gefangen hält! Besser ich erzähl dir zuerst, was ich herausgefunden habe, denn sicher werdense dich morgen, am 12. Dezember verhören."
Und Johann begann mit seinem Bericht...

 

Montag, 17. Dezember 2018

Seiten-Inhalt

Rechtshinweise

Hier unterwegs

Wir haben 30 Gäste online

Besucher

Heute44
Gestern58
Woche44
Monat1147
Alle, seit 14.02.2007314148

Letzte Seitenänderung

Montag 11 April 2016, 07:13