Start ... Ich ... und meine Weihnachts- Geschichte 10. Dezember
10. Dezember

10. Tag im Dezember 1606 - Sonntag

Johann schlich aus dem Haus, als Brassel gerade gekommen war, um sich zusammen mit Edwina um den Kranken zu kümmen.
Brassel hatte etwas von einer neuen Behandlungsmethode erzählt und wollte die wohl am Rat versuchen. Johann blieb jedoch skeptisch. Wenn man den Rat, oder das was von ihm übrig war betrachtete, sah man praktisch schon einen Sterbenden vor sich. Blasse, leicht gelbliche Haut, kaum noch ein Bewusstsein und dieses Kauen der Zunge zeugten vom schlechten Zustand des Rates. Allerdings waren die Durchfälle zurück gegangen, wie auch das Erbrechen. Das lag aber wahrscheinlich daran, dass der Rat seit Tagen nichts Essbares zu sich genommen oder vielmehr bei sich behalten hatte.
Edwina beharrte auf die Anwendung ihrer Schneewickel, die wirklich die einzige Therapie darstellten, die Wirkung zeigte und eine Verbesserung des Gesundheitszustandes des Kranken brachte.

Zunächst machte sich Johann auf den Weg zu Mariannes Haus. Dort angekommen fand er, wie schon am Vortag, die Tür unverschlossen. Schnell schob er sich ins Innere und bemerkte die Unordnung im gesamten Gebäude. Überall lagen Sachen verstreut und waren Truhen geöffnet. Anscheinend hatte man das Haus bei Mariannes Verhaftung durchsucht, schlussfolgerte er.
Sein Ziel war jedoch Mariannes Kammer, die er, ohne auf irgend etwas anderes zu achten, sofort aufsuchte. Dort angekommen, versuchte er sich zu orientieren und zu erinnern was Marianne ihm gestern aufgetragen hatte. Deshalb ging er auf den klobigen Schrank zu, der neben dem Bett stand. Auch dessen Türen standen sperrangelweit offen und gaben den Blick auf einige Kleider, die noch darin hingen frei.
Johann kniete sich davor und warf einige Sachen, die den Boden des Schrankes bedeckten achtlos hinter sich. Wenn man den Schrankboden oberflächlich betrachtete, war nichts ungewöhnliches daran festzustellen. Sah man jedoch genauer hin, lugte zwischen Rückwand und Boden ein Stück Leder hervor. Man könnte meinen, dass es damit nichts außergewöhnliches auf sich hatte. Als Johann jedoch daran zog, ließ der Boden des Schrankes sich nun aufklappen. Verblüfft stellte er als er hinein spähte fest, dass das freigelegte Fach leer war. Enttäuscht ließ er langsam den Deckel zurück an seine Stelle klappen.
Eigentlich sollte sich dort ein weiteres Säckchen mit Münzen finden lassen, die Mariannes restliche Barschaft darstellten. Johann hatte ihr angeboten das Geld im Haus des Rates, in seiner Kammer, in Sicherheit zu bringen, bevor eine weitere Durchsuchung Mariannes Hauses statt fand.
Da sie berichtet hatte, das der Amtmann das Versteck unter den Dielen entdeckt hatte, nicht jedoch das Fach im Schrank, wurde klar, dass er nach der Verhaftung nochmals hier im Haus gewesen sein muss, überlegte Johann.
Es war nicht zu ändern, Mariannes Ersparnisse befanden sich nun komplett in den Händen des Amtmanns.
Johann sah sich weiter in der Kammer um und begann mit der Erfüllung seiner nächsten Aufgabe. Dabei handelte es sich ganz einfach darum, dass er Marianne einige ihrer eingelegten Bohnen bringen sollte. Der Tontopf befand sich an der Stelle, die ihm Marianne genannt hatte. Johann rümpfte nach dem Öffnen des Deckels die Nase und beäugte misstrauisch die trübe Flüssigkeit.
Er griff nach einem von Mariannes Leinentüchern und breitete es neben dem tönernen Behälter aus. Vorsichtig langte er in die grün-gräuliche Suppe und stieß nur wenig unter der Wasseroberfläche mit den Fingerkuppen an die runden Bohnen. Als er drei handvoll auf das Tuch gehäuft hatte fand er, dass diese Menge bis zum Montag reichen würde. Er konnte sowieso nicht verstehen, wie Marianne und auch der Rat diese Dinger essen konnten. Schon die Erinnerung an die Kostprobe vom letzten Mittwoch rief einen leichten Würgereiz bei ihm hervor.
Er verschnürte das Tuch zu einem Säckchen und steckte es in seinen Beutel, den er umgehangen hatte bevor er sich auf den Weg hierher gemacht hatte. Dort hinein kam neben einem kleinen Buch, das in einem Regal über dem Bohnentopf lag, auch ein metallenes Amulett an einem Lederband, welches er unter Mariannes Matratze fand. Das Buch war Seite für Seite in eng beieinander stehenden Zeilen beschrieben und hatte einen Ledereinband aus braunem, abgegriffenen Leder. Der Anhänger war eine silbrig glänzende Scheibe mit einem unförmigen Loch in der Mitte. Beides schien Johann nicht sonderlich wertvoll zu sein. Marianne hatte ihn jedoch gebeten, nur diese Sachen aus ihrem Haus mit zu sich zu nehmen, damit sie nicht verloren gingen.
Johann sah sich noch einmal um und verließ dann das Haus, nicht ohne sich vorher zu vergewissern, ob etwa die dicke Berta irgendwo zu sehen war.

Schnurstracks ging er in Richtung Fischmarkt und einmal mehr fiel sein Blick auf die Ehrfurcht einflößende Kulisse, die sich ihm bot, immer wenn er an den Graden vorüber kam. Links ragten die Spitzen der Türme des Erfurter Domes in den Winterhimmel. Johann wusste, dass sich im rechten der beiden Seitentürme die große Glocke befand, deren vollendeter Klang jedem in den Körper fuhr, der hier am Platz stand und ihm lauschte. Wegen seiner Lage auf einem Hügel war der Dom unübersehbar.
Johann konnte sich noch sehr genau an den ersten pompösen Auftritt des neuen Erzbischofs in Erfurt vor beinahe zwei Jahren erinnern. Auch damals, im Februar 1604, lag Schnee über Erfurt und bunte Fahnen wehten zu beiden Seiten der breiten Treppe, die zum Kirchenschiff hinauf führte. Imposant war auch die Erscheinung des neuen Mainzer Erzbischofs selbst. In einem prächtigen Gewand zeigte sich Johann Schweikard, der in Rom studiert hatte und nun Adam von Bicken im Amt folgte den Erfurtern.
Johann blickte weiter nach rechts, zu der neben dem Dom stehenden, nicht weniger erhabenen Kirche des Severistifts, die sich den Hügel mit dem Dom teilte.
Abgerundet wurde das Bild dann von den beiden Türmen der Peterskirche, die hoch über der Stadt aufragten und zum Kloster der Benediktiner gehörten.
Johann bog dann in die Marktstraße ein und war innerhalb weniger Minuten am Rathaus und beugte sich zur Öffnung hinunter, hinter der sich Mariannes Gefängnis befand.
"Psst" zischte er, "hörst du mich, Marianne?"
Johann erschrak und stand sofort auf, als eine Frau heran kam und ihn von oben bis unten musterte. Er hoffte inständig, dass Marianne jetzt nichts sagen würde und entfernte sich ein Stück vom Fenster.
Als die Frau verschwunden war, beugte er sich erneut herunter und wiederholte seine Worte.
"Ja, ja Johann. Freilich kann ich dich hören!" kam es leise aus der dunklen Öffnung.
"Gehts dir gut?" fragte Johann flüsternd.
"Ja, geht so." meinte Marianne. " Warst du im Haus? Hast du alles gefunden?"
"Ja," antwortete er ausweichend und erwähnte nicht extra, dass die Münzen fehlten. "Hab dir die Bohnen mitgebracht!"
"Gut, dann werf sie mir hier runter."
"Geht nich," sagte er. "Hier sind Gitterstäbe vorm Fenster. Die sind so eng, dass das Tuch mit den Dingern nich durch passt."
"Dann lass sie einzeln herunter kullern!" schlug sie vor.
Johann knotete seufzend das Tuch auf und begann die Puffbohnen einzelnen zwischen die Gitterstäbe hindurch zu fädeln.
Immer wieder kam es vor, dass er sich schnell aufrichten musste, weil jemand an ihm vorüber lief. Johann malte sich bereits aus, wie Berthold, der Gehilfe des Amtmanns, aus dem Rathaus stürmte, um ihn festzunehmen. Ob es wohl verboten war, Gefangenen Puffbohnen zu bringen?
Die Zeit der Bohnenübergabe schien sich durch diese Verzögerungen endlos auszudehnen und Johanns Bewegungen wurden fahriger. Immer wieder ließ er eine Bohne in den Schnee fallen und musste sie erst auflesen, damit nichts unter dem Fenster liegen blieb.
"Marianne, ich muss zuerst nach dem Ratsherrn sehn," sagte er. "Nachher geh ich zur Gudrun und seh zu, was ich aus ihr heraus bekomme."
"Sei vorsichtig!" ermahnte Marianne. "Gudrun ist raffiniert und sehr gewitzt. Sie wird versuchen, dir einen Bären aufzubinden."
"Werd schon aufpassen, Marianne." beruhigte er sie.
Als schließlich alle Bohnen hinunter gerollt waren verabschiedeten sie sich.{mospagebreak}Brassel lehnte am Türrahmen und sah zu, wie Edwina den Patienten wusch und das Bett neu richtete. Im Augenblick war Wolrabe gerade bei Bewusstsein, stöhnte aber umso mehr. Brassel hatte nochmals einen Aderlass vorgenommen und der Rat war dabei so unerwartet zu sich gekommen, dass er die Schüssel mit seinem Blut, quer über das Bett gefegt hatte.
Der Arzt hatte eigentlich vor, eine neue Therapie zu versuchen, wollte aber kein Risiko eingehen, indem er eine unbekannte Methode gerade an einem Ratsmitglied vornahm. Er hatte dann doch lieber noch einmal den Schnitt in ein Blutgefäß als sicheres Verfahren gewählt.
Sollte sich diesmal wieder nichts am Zustand des Rates ändern, würde er morgen, am Montag, den Eingriff wagen.
Hinter Brassel war ein Laut zu hören und der Arzt fuhr herum. Im gleichen Augenblick wurde die Tür geöffnet und Johann schaute herein.
Weil der Rat stöhnte brauchte Johann nicht erst zu fragen wie es ihm ging.
"Ich muss eine Besorgung erledigen!" meinte er an die Magd gewandt. "Bin bestimmt erst am Abend zurück. Wird noch was gebraucht?"
"Wo willste denn hin?" fragte Edwina und hob fragend die Brauen.
"Muss eben nochmal los. Ist wichtig."
"Na, kannst wohl dein Liebchen nich warten lassen, was?" neckte Edwina.
"Das Frauenzimmer muss erst noch geboren werden, die ich nehm." erklärte Johann mit rotem Kopf.
"Ein Kalb!" sagte Brassel ruhig und unterbrach das Geplänkel der beiden Bediensteten.
"Was?" riefen Edwina und Johann wie aus einem Mund.
"Ich brauch für morgen ein Kalb", meinte der Arzt.
"Und wofür, wenn man fragen darf?" Edwina stützte die Hände in die Hüften und sah entgeistert zum Arzt herüber.
"Für den Rat natürlich!"
"Der mag kein Kalbfleisch!" sagte sie. Hat er nich gegessen, als er gesund war und wird er noch weniger nich essen, wenn er krank is!" gab sie zu bedenken.
"Da hat sie recht!" Johann nickte bestätigend und dachte bei sich, dass der Arzt wohl Edwinas Kochkünste auf die Probe stellen wollte. Die Hühnerbrühe jedenfalls hatte ihm so zugesagt, dass er noch einen kräftigen Schlag mit zu sich nach Hause genommen hatte. Entsprechend kleiner war Johanns Ration ausgefallen, was ihm überhaupt nicht gefallen hatte und er dem Arzt noch immer krumm nahm.
"Kann mir nich denken, das es dem Rat gefallen würde, wenn wir ein Kalb kaufen, was er doch nich essen will."
"Es ist nicht zum Essen!" betonte Brassel mit saurer Mine.
"Wollt ihr`s ihm ans Bett binden, oder wie?" fragte Johann, der immer mehr am Können des Arztes zweifelte. "Kann ja noch nich mal Milch geben, als Kalb!"
"Werdets schon noch früh genug erfahren." meinte der Arzt. "Jedenfalls brauch ich es morgen!"
"Heute krieg ich bestimmt kein Kalb!" wandte Johann ein. "Ist ja Sonntag und kein Markt." meinte er schulterzuckend. "Vielleicht krieg ich beim Fleischer nebenan ein schönes Stück..."
"Lebend!" unterbrach Brassel Johann barsch. "Lebend muss es sein! Kein Stück vom Kalb, sondern ein Ganzes, das laufen kann und >muh< macht" verdeutlichte er.
"Dann gehste halt gleich morgen auf den Anger," sagte Edwina, die inständig hoffte, dass es dem Herrn vielleicht über Nacht besser gehen würde.

Johann klopfte an der Tür und Augenblicke später hörte er schlurfende Schritte.
"Ja?" Fragend starrte ihn Gudrun Meisel aus rot geränderten Augen an.
"Dich kenn ich doch!" erklärte sie, ohne Johann zu Wort kommen zu lassen. "Du bist der Kutscher vom Wolrabe! Hab ich recht?"
Johann nickte bestätigend.
"Was willste denn? Mein Mann is nich da. Keine Ahnung, wann der kommt. Musste eben 'nen andren Tischler nehmen." beantwortete sich Gudrun gleich mehrere Fragen selbst, ohne dass sie gestellt worden waren.
"Ich will nichts von deinem Mann," stellte Johann richtig. "Ich hätte gern etwas von dir gewusst."

Nachdem er sich nach einer Weile von Gudrun verabschiedet hatte konnte er an nichts sonst denken, als daran, dass er morgen Marianne unbedingt von diesem Gespräch berichten musste. Hoffentlich würde sie nicht gleich morgen früh, am Montag, dem 11. Dezember verhört werden.

 

Montag, 17. Dezember 2018

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